Lyrik IV. Prometheus.

Standard

Johann Wolfgang Goethe: Prometheus (1774)

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst,
Und übe, Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn;
Musst mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonn, als euch, Götter!
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät,
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Kind war,
Nicht wusste, wo aus noch ein,
Kehrte ich mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr, zu hören meine Klage,
Ein Herz wie mein’s,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir
Wider der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden da droben?

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herren und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehen,
Weil nicht alle Knabenmorgen-
Blütenträume reiften?

Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bilder,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, zu weinen,
Zu genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!

Viele Anmerkungen habe ich nicht gerade auf dem Zettel stehen… ist ja aber auch nicht Pflichtlektüre fürs Abi. So viel dennoch dazu:

Prometheus ist in der griechischen Mythologie ein Titanensohn (Titanen: riesenhafte, von Zeus gestürzte Götter)  und Halbgott, der aus Ton Menschen bildete und sie beseelte bzw. der ihnen – nach einer anderen Überlieferung – das Feuer brachte, welches Zeus den Menschen vorenthalten hatte. Zur Strafe ließ Zeus ihn an einen Felsen schmieden und schickte täglich einen Adler, der an seiner immer nachwachsenden Leber fraß. Herakles schließlich befreite Prometheus. (Auch das ist nicht von mir, sondern entstammt der Erklärung aus dem Buch, in dem auch das Gedicht steht.)

Antihymne! – Das steht fett über dem Gedicht und erklärt sich folgendermaßen: Zeus ist zwar Gegenstand dieses aus der Sicht des Prometheus geschriebenen Gedichts, wird aber entgegen der erwarteten positiven Darstellung als Göttervater nicht verherrlicht, sondern „runtergemacht“ oder gar „gedisst“, wie man heutzutage sagen könnte.

Hybris! – Dieser Begriff steht neben der ersten Strophe; er bedeutet „Selbstüberhebung“, „Vermessenheit“.

Prometheus steckt in der ersten Strophe zunächst den Bereich des Zeus ab, indem er dem Göttervater Anweisungen gibt; er fordert ihn auf, sich zu üben, und vergleicht ihn mit Knaben. Danach wird der Bereich des Prometheus dargestellt: Die Erde erhält ein Possesivpronomen und wird damit Prometheus zu eigen; ebenso wird dessen Hütte mitsamt Herd und Glut genannt – Prometheus brachte den Menschen das Feuer, das Zeus ihnen verwehrt hatte, daher behauptet Prometheus nun, Zeus beneidete ihn um die Glut.

Die vierte Strophe besteht aus vier rhetorischen Fragen, die Zeus in die Bedrängnis führen und Prometheus‘ Einstellung dem Göttervater gegenüber verdeutlichen sollen: Hilfe von den Göttern erwartet Prometheus nicht mehr; als Kind glaubte er noch daran, dass ein höheres Wesen ihm helfen könnte (Strophe 5), nun jedoch hat er schmerzlich erfahren müssen, dass dem nicht so ist. Deshalb folgert er in Strophe 7 wütend mit weiteren elliptischen (Ausdruck der Wut!) rhetorischen Fragen, dass Zeus es nicht wert ist, von ihm verehrt zu werden; außerdem sieht er die Zeit und das Schicksal, die einzigen „Herren“, denen Zeus sich zu unterwerfen hat“, als alleinige Verursacher seines Reifungsprozesses an. In der fünften Strophe haut Prometheus einen weiteren Angriff raus: Er vermutet, dass Zeus glaubte, Prometheus würde aufgeben und „das Leben hassen“, wenn seine Träume sich nicht erfüllten. Das wirft er ihm mit einer weitere rhetorischen Frage vor, die im Raum stehen bleibt. Die letzte Strophe bildet einen ruhigen Abschluss des Gedichts; von den Göttern enttäuscht, modelliert Prometheus sich nun Menschen als Kumpanen, die ihm gleichen in ihren Gefühlen und in ihrer Missachtung den Göttern gegenüber.

Das Gedicht ist 1774 von Goethe verfasst worden, fällt also schon rein zeitlich in die Epoche des Sturm und Drang und der Aufklärung. Deutlich zu erkennen ist dies außerdem an der gefühlsbetonten Wortwahl, die dem Leser vermitteln soll, wie Prometheus mit Zeus hadert. Eben dieses ist typisch für die Zeit. Die vorherrschende Gesellschaftsordnung wurde hinterfragt und kritisiert. Goethe verpackt diese Kritik jedoch in einen antiken Mythos – vorsichtshalber, könnte man sagen. Prometheus stünde dann für die Bürger, die sich gegen den Adel, hier Zeus, auflehnen; die geschilderten Kindheitserlebnisse wären die unreflektierte Unterwerfung der Bürger in früheren Zeiten. Genauso typisch für ein Gedicht aus der Sturm-und-Drang-Zeit ist das vorherrschende unregelmäßige Metrum und Versmaß; damit wird deutlich, dass Goethe sich beim Schreiben keinerlei Konventionen unterwirft – ein Ausdruck von Freiheit.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.