Konzert im Dunkeln

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Ein Konzert – klasse. Musiker auf einer Bühne, Leute im Publikum, sie alle genießen die Musik. Es geht nicht um die Show, nicht um ein souveränes Auftreten, das von Körperhaltung, Mimik und Gestik bestimmt wird. Es geht um eine Erfahrung der besonderen Art. Die Souveränität der Musiker kann nicht gesehen werden – man kann sie nur hören und spüren. Seinen Platz hat sich jeder, Publikum wie Musiker, im bläulichen Dämmerlicht gesucht. Man hat sich noch einmal umgesehen, weiß in etwa, wer um einen herum sitzt bzw. wo sich die Instrumente und die Stühle befinden. Dann kommt die Ansage: Es wird dunkel. Eine Stunde lang ist es so dunkel, dass man die Hand vor Augen nicht sieht. Vollkommene Dunkelheit füllt den Saal, man hört überraschtes und aufgeregtes Tuscheln, dann kommt die Musik. Zunächst wollen noch einige Gedanken geordnet werden, dann lehnt man sich zurück und wird eins mit der Dunkelheit und dem Klang von Akkordeon, Cello und Tuba, die sich zwischendurch mit einer Posaune abwechselt. Völlig im Bann der Musik traut sich nach den ersten beiden zusammenhängenden Musikstücken keiner zu klatschen, die Spannung ist greifbar. Dann endlich die Erlösung, man schmunzelt über diese Erfahrung. Einer der Musiker, man kann vermuten, ob es sich dabei um den Mann am Akkordeon oder an der Tuba handelt – das Cello wird von einer Frau gespielt – sagt einige Worte zu den gespielten Titeln, begrüßt und kündigt das nächste Stück an. Die Stimmung wird gelöster… Nach dem nächsten Applaus geschieht es dann: Einer der Musiker findet sein Instrument nicht. Ein Helfer mit Taschenlampe leuchtet ihm, die vollkommene Dunkelheit wird vom eigentlich schwachen Schein einer kleinen Lampe zerrissen, man erkennt seinen Sitznachbarn, kann auch die Bühne sehen. Eine so kleine Lampe ist in der tiefen Dunkelheit des Saals so machtvoll! Instrument gefunden, weiter geht es.
Die Stunde ist viel zu schnell um, das Saallicht beleuchtet Bühne und Publikum. Geblendet blickt man sich um, betrachtet endlich die Musiker genauer und applaudiert kräftig, kräftig genug für eine ordentliche Zugabe – im Hellen. Nach dem Genuss für die Ohren und das Befinden kommt nun der Genuss für die Augen dazu: Es bereitet großes Vergnügen diesen außergewöhnlichen Musikern beim Spielen zuzusehen. Doch man nimmt die Musik im Hellen anders wahr als im Dunkeln, es ist zwar nicht besser oder schlechter, aber anders. Nach der zweiten Zugabe und enormem Applaus ist das Konzert dann wirklich beendet. Man strömt aus dem Saal, wirft einen Blick auf die CDs, die verkauft werden, kauft vielleicht eine, verabschiedet sich eventuell von Bekannten und geht seiner Wege. Oder man bleibt noch einen Moment unschlüssig im Vorraum stehen, hält Jacke, Tasche und erstandene CD in den Händen und überlegt, ob man wirklich schon gehen will – natürlich nicht. Das Unausweichliche wird hinausgezögert… und belohnt: Die Musiker betreten den Vorraum, werden freundlich aufgenommen und von den letzten Konzertbesuchern um Autogramme gebeten. Und so baten auch wir und erhielten neben Autogrammen auch ein gemeinsames Foto.

Eine besondere Herausforderung, aber auch ein besonderes Erlebnis für Musiker und Publikum – ein Konzert im Dunkeln. Wunderbare Musiker, wunderbare Musik, wunderbare Atmosphäre – atemberaubend.

Die Anreise hat sich gelohnt. Gerne wieder.

Zitat des Abends: „The next song is called „L’acrobate“… which is French for… >acrobat<!“ 🙂

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