Ein Becher. Tausend Gedanken.

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Welche Erinnerungen man doch mit einer Tasse Cappuccino verbinden kann…

Damals.

Wenn man die Wahl hat zwischen Tee (mag man nicht), abgestandenem Mineralwasser aus einer schon Tage geöffneten Flasche (uuh nein), Leitungswasser (mag man, ist aber unoriginell und müsste man rechtfertigen) sowie Cappuccino (ja, den könnte man bestimmt mögen, guck mal, den hab ich in drei Sorten, trinkst du nicht sonst auch Kakao?, Oma trinkt auch einen, probier doch mal, nimmst du Zucker da rein und Milch?), dann entscheidet man sich für den Cappuccino. Natürlich. Obwohl man prinzipiell gegen coffeinhaltige Getränke ist. Sogar Cola konsumiert man höchst selten. Viel zu süß. Und überhaupt. Aber nun der süße, heiße, coffeinhaltige Cappuccino. Bei der Oma. Ihr zuliebe. Der Einfachheit halber. Zunächst mit Geschmack, also in den Sorten Schoko und Vanille. Später dann auch ohne. Und dann wieder selbst mit Kakaopulver versetzt. Oder mit Zimt. Aber das erst später. Zunächst bei der Oma. Mit ihr gemeinsam. Bei jedem Besuch. Und jedes Mal heißt es: Kommst du bald mal wieder auf einen Cappuccino? Aber sicher. Und nun, Jahre später, trinke ich zwar immer noch keinen Tee (das wird immer noch jedes Mal gefragt), aber nach wie vor gerne Cappuccino. Mittlerweile sogar Kaffee, aber da nur ausgewählt, meist nur auf der Arbeit. Das mal so am Rande. Heute nämlich ergriff mich die Erinnerung an meine ersten Erfahrungen mit dem Cappuccino in Omas kleiner Wohnung im pseudo-betreuten Wohnheim, das mittlerweile eine stattliche Altersresidenz geworden ist – zu spät für sie. Sie musste noch einmal umziehen, sich noch einmal umgewöhnen. Ob sie ihrem Haus noch nachtrauert? Oder gar der Wohnung? Wer weiß. Selten höre ich sie darüber reden, hierüber fast nie. Noch seltener natürlich über die Vergangenheit, die noch davor liegt, über ihren Mann und ihre Tochter, die meine Verwandten waren und die ich nie gekannt habe. Öfter spricht sie über Menschen, die ich grob einordnen kann, noch öfter aber fragt sie selbst, wer das denn ist, obwohl sie sie eigentlich nahezu ihr Leben lang gekannt hat. Und noch öfter spricht sie über ihr aktuelles Leben, über Einsamkeit, Krankheit und Alter. Ich weiß nicht, was ich ihr sagen soll. Was kann sie einordnen, womit kann sie nichts anfangen? Warum muss ich ihr hundert Mal erzählen, was und wo ich arbeite? Und wie lange noch wird sie mich erkennen, wenn ich alle 14 Tage bei ihr aufkreuze? Und wenn ich das nicht mal schaffe? Neulich hab ich ihr vorgespielt, zu Weihnachten war das. Weihnachtslieder auf Blockflöte. Sie war gerührt und es hat ihr ehrlich gefallen. Das war so schön. Warum sieht sie nicht mehr fern, warum hat sie kein Radio? Ich sollte ihr bald wieder vorspielen.

Mein Becher Cappuccino ist halb ausgetrunken. Ich mag es, ihn so heiß wie möglich zu trinken.

Neulich waren wir bei ihr. Da hatten wir heißes Wasser, Becher und Cappuccinopulver bei uns, wollten mit ihr Cappuccino trinken. Den mochte sie doch sonst so gerne. Aber an dem Tag… nein, zu heiß. Nein, die Tasse ist zu schwer. Nein, es ist zu viel. Nein, zu heiß. Nein, schmeckt nicht. Nein, zu heiß. Ach je.

90 Jahre sind eine lange Zeit. In diesem Sommer werden es 91. Hoffentlich. Und hoffentlich gesund.

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