Gedanken des Nachmittags

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Samstag Nachmittag im Jugendraum.

Eigentlich haben wir seit einer Dreiviertelstunde den Jugendraum für Teens von 12 bis 15 geöffnet. Eigentlich. Denn ich bin der einzige anwesende Mitarbeiter und mit nur einem Mitarbeiter darf das gar nicht, so ist die Absprache. Macht aber nix, denn Teens sind auch keine da.
Ich nutze die Zeit, um das Rümpel-Schlafsofa aufzuräumen (das ist so eins, das man aufklappen kann, darin kann man ganz toll viel Gerümpel lagern). Alte Poster werden zu Schmierpapier, die alten Zeitschriften ordentlich verstaut (wenn man denn eine Kiste oder Ähnliches hätte – also mitnehmen). Es läuft meine Musik, ein Mix aus Ludovico Einaudi und Philipp Poisel, ein bisschen Sophie Zelmani und dann noch My Sister Grenadine – mit viel Bass, weil ich ja im Jugendraum bin und das da geht. Nichts davon würden wir hier normalerweise spielen. Aber mir tut es gut. Irgendwie fühlt es sich nach Abschied an. Ich mag nicht daran denken, was aus dem Raum wird, wenn meine Mitarbeiterin und ich gehen und noch ein weiterer Mitarbeiter demnächst im Abi steckt. Klar, unser Konzept war und ist einem ständigen Wandel unterzogen. Neue Leute brachten und bringen neue Ideen, alte Leute hatten auch die ein oder andere neue Idee. Verbesserungsvorschläge, die nicht immer praxistauglich waren, was sich manches mal aber auch erst bei der Umsetzung herausgestellt hat. Oder gar erst nach aufwändig erfolgter Umsetzung.
Wie viel Ärger, Streiterei, Diskussionen, Meinungsverschiedenheiten hatten wir! Wie oft sind wir aneinander geraten, haben uns gerieben, angemacht oder gemieden, ob nun aus Nichtigkeiten oder mit triftigem Grund. Weil wir so unterschiedliche Auffassungen von Ordnung oder der Wichtigkeit von Regeln haben, weil wir uns missverstehen, aneinander vorbei reden oder einfach nur vergessen was man selbst oder der andere gesagt hat.
Wie oft habe ich mich über meine Mitstreiter aufgeregt, habe mich gekränkt, missachtet, unverstanden, zurückgesetzt, übergangen gefühlt. Wie oft musste ich feststellen, dass meine Auffassung von Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit inbegriffen, nicht so geteilt wurde wie ich es gern gehabt hätte. Ich habe gekämpft. Mit allen, für alle. Selten gegen jemanden. Wie oft habe ich einzelne Leute gegen die anderen in Schutz genommen, habe verharmlost, geschlichtet. Versucht, ein homogenes, geeintes Team hinzubekommen. Wie oft musste ich feststellen, dass ich scheiterte, dass ich vielleicht besser hätte … Wie oft habe ich darüber nachgedacht alles hinzuschmeißen. Manches Mal hätte nicht viel gefehlt und ein oder zwei Mal habe ich tatsächlich aufgegeben. Und doch bin ich immer noch hier. Ich wollte, konnte nicht loslassen. Immerhin trage ich so viel hier. Denke ich. Mittlerweile läuft auch viel ohne mein Zutun. Aber es läuft auch viel schief (ob nun mit mir oder ohne mich, lass ich dahingestellt). Ich versuchte oft, den anderen unterschwellig, heimlich, manchmal auch offensiv weiterzugeben was ich hier mache und wie ich es mache. Aber ich glaube nicht, dass viel davon rüberkommt. Vielleicht ist es auch gar nicht so gut. Oder gar nicht so wichtig. Immerhin bin ich mittlerweile distanziert genug um das festzustellen. Vielleicht lerne ich langsam das Abschiednehmen. Wer weiß, wird sich ja nach dem Sommer zeigen. Definitiv wird es schwer werden. Schließlich hab ich hier so viel Zeit verbracht. Auch wenn es, wie beschrieben, öfter mal nicht so glatt lief, hatten wir doch meist eine Menge Spaß und eine sehr schöne Zeit. Was haben wir nicht alles für coole, megakrasse Aktionen aufgestellt?! Verrückt, was wir da hingekriegt haben. Frühlingsmärkte mit 100 Priemeln, die uns nachhaltig traumatisiert haben. Martinisingen mit Gitarre, aber ohne Martinilieder, verbunden mit Spendensammlungen für die Kirchentür, die Kirchenakustikanlade, den Beamer, unseren Kicker, Weihnachten im Schuhkarton und allgemein für den Raum. Oder unsere beiden Krippenmusicals, die wir mit dem Kindergottesdienst, der Band und unseren Teens auf die Bühne gebracht haben und die echt gut waren. Wir haben das Gemeindehaus gestrichen, mehrfach KickOff mitorganisiert und getragen, bei Gemeindefesten und dem Kirchenjubiläum geholfen, bei Kirche auf Rädern im Gemeindehaus gechillt und den Kuchen bewacht (weil bei dem Schietwetter eh keiner kam). Auf dem Buurenmarkt haben wir einmal mehr, einmal weniger erfolgreich Eis verkauft, aus dem 2. Versuch wurde der legendäre PMC-Kuchen: restliche Eiswaffeln und was wir sonst gerade so über haben zu einem mehr oder minder genießbaren Kuchen zusammengematscht und mit schmelzenden Gummi-Schaumzucker-Teilen belegt. Ebenso legendär und megalustig, wenn auch megaanstrengend, waren die Wohnwochen und Übernachtungen der Mitarbeiter, ebenso wie die Weihnachtsfeiern: nachts um drei bei Mecces, Filme und Spiele bis zum Abwinken, ein Tag am See auf der Flucht vorm Hausdrachen… unglaublich cool. „Kann mal jemand die Boxen da oben rausreißen?!“ Viel Spaß brachten auch die gelegentlichen Putzaktionen, die ab und an mal nötig waren. Und nicht vergessen darf man, dass wir ja den Raum überhaupt erst selbst aufgebaut haben, eine Theke aus einem Schrank gebaut und selbst gestrichen haben, irgendwann auch ein zweites Mal mit neuem Design.
Gemeinsame Fahrten zum Kirchentag gehören zwar nicht direkt zum Jugendraum-Geschehen, zählen für mich aber in die gleiche Ecke. Auch die Konfi-Arbeit mit den Freitagabenden und den Konfirmandenfahrten – unvergesslich, was wir da für einen Spaß hatten. Wahnsinnig anstrengend, aber wahnsinnig schön. Kleinere Mitarbeiter-Sachen gehören aber genauso dazu: Teenachmittage, gemeinsame Einkaufstouren, Spaziergänge, nach der Jugendraumzeit noch bleiben und reden, Spielenachmittage und -abende und vieles mehr. Sehr witzig waren auch die „PMC im Gottesdienst“-Werbeaktionen. Unvergessen bleibt der Kampf ständig an neue Sofas zu gelangen, weil wir als professionelle Sofa-und-Fensterbank-Kletterer (oder -Turner)  sie doch sehr beanspruchen. Unser Turntalent kommt uns immer zu Weihnachten besonders zugute, wenn wir nämlich den Weihnachtsbaum in der Kirche mit selbstgebasteltem (das waren auch Aktionen für sich!) Schmuck behängen und Jahr für Jahr weniger Kugeln überleben. NEE das machen wir doch nicht mit ABSICHT! NIEMALS! 😀
Oder im Jugendraum-Alltagsgeschehen: Partys zu verschiedensten Themen, UltraStar, meine attestierte Männlichkeit beim Kickern, die Kuschelsessions auf dem Sofa, die Umarmungen zur Begrüßung und zum Abschied, das auf-dem-Tisch-tanzen. Parkplatzpartys, Mensch-ärgere-dich-nicht und Arschloch. Laute Musik!! Krisengespräche und Lachen bis zum Umfallen. Ein Raum so voll Nebel, dass der Rauchmelder anspringt (dessen Batterie gerade leer ist, weshalb er mich mit seinem Piepen nervt). Gemeinsam kochen – oder Pizza bestellen. In Karnevalsmontur mal eben was einkaufen. Auf Barhockern an der Straße sitzend Leute grüßen. Bass, bis die Gläser von der Theke fallen.

Mag ja sein, dass es Besseres gibt. Aber das hier ist meins. Ich liebe es. Auch wenn es manchmal wehtut, wenn man gegen Wände rennt, woraus auch immer sie bestehen.

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