Bridges.

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Stell dir eine Welt vor, in der Brücken gebaut werden. Eine Welt, in der es zur Gesellschaft gehört, dass man anderen Leuten Brücken baut, über die sie gehen können. Sie müssen nicht über diese Brücken gehen, aber es gehört nun mal dazu und ist auch schön – und die meisten machen das auch.
Ein Schritt im Leben jedes Menschen ist es seine erste Brücke zu bauen. Irgendwann, wenn man alt oder klug oder geschickt genug ist, dann baut man seine erste Brücke. Oder versucht es. Und versucht es wieder. Vielleicht glückt schon die erste Brücke, wenn sie auch noch etwas wacklig sein mag, vielleicht ist sie tatsächlich schon beim ersten Versuch begehbar. Einigen mag es auch gelingen, die allererste Brücke gleich solide zu bauen. Vielleicht sind sie Naturtalente, vielleicht haben sie sich auch schon jede Menge theoretisches Wissen angeeignet oder an Modellen geübt (anderen zugesehen haben sie meist nicht, denn das gehört sich nicht). Einige sind sehr stolz auf ihre erste Brücke, egal ob gelungen oder nicht, und prahlen damit – oft beschönigend. Andere halten sie geheim, vielleicht aus Scheu oder Bescheidenheit, vielleicht auch einfach, weil sie nicht der Typ sind, der über alles redet. Vielleicht aber ist ihre erste Brücke nicht geglückt. Vielleicht hatten sie vorher keine Ahnung, haben sich nicht informiert und dann blind drauflos gebaut – weil ja alle anderen die man kennt auch schon ihre Brücken gebaut haben und immerzu davon erzählen, wo und wie viele und für wen. Vielleicht mangelte es ihnen auch am Mut es einfach zu versuchen und sie begannen halbherzig mit dem Bau (wenn überhaupt). Oder sie zweifelten an ihren Fähigkeiten, was irgendwie zusammenhängt. Vielleicht aber wurden sie beim Bau unterbrochen. Es kann sein, dass sie mutig und konzentriert den Bau begannen – aber ein Unwetter verwüstete die Baustelle. Oder jemand anders kam dazu und störte das Bauvorhaben. Alles möglich. Ungestörtheit ist wichtig beim Brückenbau. Ein Plan kann manchmal hilfreich sein, aber nicht jeder braucht einen. Das grundlegende Baumaterial hat in dieser Gesellschaft jeder, denn die Brücken werden größtenteils mit Gedanken errichtet. Einfaches optionales Zubehör ist leicht zu beschaffen, für Besonderes muss man den ein oder anderen Kniff anwenden, aber auch das ist durchaus möglich. Doch zum erfolgreichen Brückenbauen gehört noch mehr als Material, Ungestörtheit und eventuell ein Plan. Will man nachhaltig gute Brücken bauen, ist es wichtig, dass man Vertrauen in sich hat, in sich und in die Brücke. Außerdem ist eine gewisse Konzentration nötig, denn schweift man ab, bekommt das der Statik der Brücke schlecht. Im dann besten Fall würde sie in sich zusammenfallen, bevor die Zielperson sie betritt, im schlimmsten Fall zerfiele sie mitsamt der Zielperson oder gar dem Baumeister. Zu guter Letzt ist auch immer zu beachten, wo und für wen man die Brücke baut. Dabei ist der Ort letztlich nahezu nebensächlich, wenn man betrachtet, wie wichtig die Zielperson ist. Statisch und optisch liegen die Gründe auf der Hand: Die Brücke muss tragfähig sein und sie soll gut aussehen, wobei gut meist hauptsächlich im Auge des Betrachters, also hier der Zielperson liegt – und wohl auch beim Brückenbauer selbst. Aber die Zielperson ist auch noch auf andere Weise wichtig: Sie dient dem Brückenbauer als Ansporn und Belohnung. Der Bau ist anstrengend, zehrt oft an den Kräften. Da ist es gut zu wissen wofür man sich derart einsetzt.
Allerdings liegt hier auch ein großer Risikofaktor. Normalerweise ist in dieser Gesellschaft der Brückenbau für jemanden etwas recht Persönliches. Schließlich kann die Brücke normalerweise nur von der Zielperson (in seltenen Fällen auch von mehreren) betreten werden. Sie wird speziell für diese Person gebaut und zerfällt im Idealfall (nahezu immer) direkt nach der Nutzung. Alles andere wäre auch sehr anstrengend für den Brückenbauer, schließlich ist er mental an die Brücke gebunden, um sie aufrecht zu erhalten. Mehrere Brücken zu halten, gestaltet sich also recht arbeitsintensiv. Sollte sich nun die Zielperson in den Kopf gesetzt haben dem Baumeister schaden zu wollen, so ist das für sie ein Leichtes und auf verschiedene Arten möglich. Die Palette reicht hier von abfälligen Bemerkungen über das Bauwerk bis hin zum Abreißen desselben. Die Folgen für den Baumeister können ein schlimmes Ausmaß annehmen. Mit Glück verkraftet er den Rückschlag, aber oftmals treten nach solchen Fällen Selbstzweifel auf, die nicht selten zur zeitweiligen oder gar vollständigen Einstellung des Bauens führen – oder sogar den Baumeister vom Betreten einer für ihn gebauten Brücke abhalten. Denn schließlich kann man nie wissen, ob nicht auch ein anderer Baumeister seine Brücke vielleicht nur dazu gebaut hat, sie mit einem vertrauensseligen Opfer brutal zum Einsturz zu bringen?! Für diese Bemitleidenswerten bleibt nur zu hoffen, dass sie einem vertrauenswürdigen Baumeister begegnen, der sie ermutigt sich erneut auf eine Brücke zu wagen. Vielleicht werden sie an die Hand genommen, langsam und bedächtig auf die Brücke geführt oder liebevoll geschoben – wichtig ist, dass der persönliche Tiefschlag mit einem schönen und erfolgreichen Erlebnis ausgeglichen wird. Damit man wieder ohne Sorge eine Brücke überqueren kann, die einem angeboten wird. Damit man wieder mutig Brücken für andere bauen kann. Damit es weitergeht.

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