Kindheit und Jugend.

Standard

Kind ist, wer noch nicht erwachsen ist. Soweit die allgemeinste Definition. Juristisch ist in Deutschland ein Kind, wer das 14. Lebensjahr und damit die Strafmündigkeit noch nicht erreicht hat, mit 12 ist Mensch aber schon religionsmündig. Die Shell-Jugendstudie befragt selbstbenannte Jugendliche ab 12 Jahren. Für Entwicklungspsychologen endet mit der Pubertät die Kindheit, das wäre aktuell für Mädchen mit 11,2 und für Jungs mit 12,2 Jahren. International kann sich jeder bis 18 Jahre als Kind fühlen, denn für all diese gilt die UN-Kinderrechtskonvention.

Früher war das alles irgendwie anders. Das Christentum vergleicht die Abschnitte des Lebens mit den 7 Schöpfungstagen:
Montag – Kindheit
Dienstag – Knabenalter
Mittwoch – Adoleszenz
Donnerstag – Jüngling
Freitag – Mannesalter
Samstag – reifes Mannesalter
Sonntag – Greis

In der Antike war es noch einfacher, da orientiert sich der Lebenslauf an den 4 Jahreszeiten:
Frühling – Kind
Sommer – Jüngling
Herbst – Mann
Winter – Greis.

Jugendlicher ist, wer kein Kind mehr, aber auch noch kein Erwachsener ist. Richtig, die allgemeinste Definition. Shell-Jugendstudie, die hatten wir oben schon, sagt ja: Ab 12 Jahren ist der Mensch ein Jugendlicher, diese Phase endet mit 25. Juristisch ist das Ende früher gesetzt: Mit 21 hilft das Jugendstrafrecht nicht mehr, dann heißt es wirklich Geradestehen.

Dank Drogen und Medien, aber auch dank Hygiene und Ernährung ist die Kindheit heute deutlich verkürzt, die Kontakte mit der „Erwachsenenwelt“ bringen es mit sich; die Pubertät setzt früher ein. Jugend verlängert sich, auch und gerade mit verlängerter Schul- und Ausbildungszeit.

Sowohl Kindheit als auch Jugend sind nach E. Erikson ein Moratorium. Schönes Wort! Es bedeutet, dass gesellschaftlich eine Art Schonraum geschaffen wird, in dem der junge Mensch sich entfalten und entwickeln kann. Er hat Zeit für Bildung, muss nicht arbeiten. Es ist eine Zeit der Selbstfindung, der Abgrenzung. Eine Aufschubperiode. Nicht selten wird sie genutzt für Reisen, Dummheiten, Späße. Der junge Mensch steht dazwischen, ist noch nicht voll Mitglied der großen Gesellschaft. Er hat noch nicht alle Verpflichtungen der „Großen“, aber auch noch nicht die gleichen Rechte.

Klaus Hurrelmann, bekannter Kindheits- und Jugendforscher (unter anderem, muss fairerweise gesagt werden), sagt, dass eine Entgrenzung, eine Entstrukturierung des Lebenslaufs geschieht. Den „Normallebenslauf“ gibt es nicht; Beginn und Ende der Phasen sind nicht geregelt. Das führt zu einer Diffusion von Identität – ist man nun mit 23 Jugendlicher oder Erwachsener? Und was ist man mit 30? Und mit 17? – und zu permanenter Krisenbearbeitung. Jugend ist eben nicht mehr die Phase der irgendwann abgeschlossenen Identitätsfindung. Zumindest nicht für jeden.

Jugend, die Zeit der Schule und Ausbildung; im 20. Jahrhundert bildet sich immer mehr heraus, dass dafür Zeit gebraucht wird. Die Zeit außerhalb der Schule bzw. Ausbildung allerdings ist nicht mit Arbeit gefüllt. Freizeit für Jugendliche entsteht und mit ihr das Jugendvereinswesen und darüber hinaus eine ganz eigene Lebenswelt und Jugendkultur. Um 1900 beginnend, entsteht eine Jugendbewegung, die die Zeit widerspiegelt: „Mit uns zieht die neue Zeit“, heißt es. 1896 mit einem „Ausschuss für Schülerfahrten“ beginnend, gründen sich Jugendorganisationen. Bekannt geworden ist der „Wandervogel“ (1901); Jugendliche (m!, bürgerlich) unternahmen gemeinsame Wanderungen, selbst organisiert. Weibliches Pendant: die „Wanderschwestern“, trotz deren Motto „rein bleiben und reif werden“ es reichlich Diskussionen gab, ob man denn gemeinsam wandern dürfe – letztlich spaltete sich der „Wandervogel“ deshalb.
1913 fand der 1. freideutsche Jugendtag statt. Mit Diskussionen, Liedern, besonderer Kleidung und Symbolen aber ohne Alkohol und Nikotin setzten die Jugendlichen ein Zeichen gegen die Feiern zum 100. Jahrestag des Siegs über Napoleon. Ein Jahr später schon wurden sie desillusioniert: Der 1. Weltkrieg brachte Schrecken. Dann begann die bündisch organisierte Jugendbewegung, die die freie ablöste.

Das erste Buch, das sich mit der Geschichte der Kindheit befasst, schrieb übrigens Philippe Ariès im Jahre 1975, es trägt den treffenden Titel „Geschichte der Kindheit“. Viel früher, im Jahre 1762 bereits, schrieb Jean-Jacque Rousseau ein Buch, das er als Erziehungsroman untertitelte, „Emile“. Rousseau sah im Kind den Naturzustand des Menschen, den idealen Wesens- und Seinszustand, so nah an der Schöpfung. Mit 15 Jahren kommt es nach Rousseau zu einer 2. Geburt, danach ist das Kind dann erwachsen. Gilt aber nur für die Männer, Frauen verbleiben im Zustand des Kindes. Ach ja. JJ hatte schon interessante Vorstellungen, mag man heute denken. Aber damals war das so.

Das 18. Jahrhundert kann nicht nur wegen Rousseaus tollem Buch als das pädagogische Jahrhundert gelten. 1717 wurde in Preußen beschlossen, dass Kinder zumindest einen „gewissen Zeitraum“ unterrichtet werden sollen. Ab 1794 war dann der Staat Preußen sogar für das Schulwesen verantwortlich; zuvor lag das in der Verantwortung der Kirche bzw. in der Hand von Privatlehrern. Eine „richtige“ Schulpflicht gab es aber erst nach dem 1. Weltkrieg, na ja, etwa ab 1900 kann von faktisch flächendeckender Schulpflicht (8 Jahre) gesprochen werden. Die bedingte Schulpflicht des 18. Jahrhunderts war zudem sehr ständisch orientiert.
Im 18. Jahrhundert wurde viel über Bildung und Erziehung und deren Bedeutung diskutiert. Kant sagte: „Alles, was der Mensch ist, ist er durch Erziehung.“ Kant war ohnehin ein krasser Bildungsverfechter: >>Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit…<< usw.

Das kindliche Moratorium besteht daraus, dass Kinder…
…freigestellt sind von Erwerbsarbeit.
…Zeit zum Lernen und für die Entwicklung haben.
…räumlich getrennt sind von der Erwachsenenwelt.

Witzig finde ich, dass es früher wie heute gilt, aber total unterschiedliche Sachen meint… das Kind galt nämlich als ein „human becoming“, also ein werdender Mensch. Erst in der Romantik, mit so tollen Leuten wie Schleiermacher, Hölderlin und Goethe (als Werther), die das Kindheitsbild der Aufklärung kritisierten, kam das Kind zu mehr Recht. Es wurde schön als unverdorbenes, göttliches Wesen gesehen und die Phase der Kindheit als eine eigene anerkannt. Das Kind galt als „human being“. Wie schön. Das fand auch ein gewisser Friedrich Fröbel (1772-1852), der Schleiermacher und Pestalozzi studierte und kritisierte. Dazu an anderer Stelle mehr. 😀

Im 20. Jahrhundet passiert auch eine ganze Menge. Zuallererst ruft Ellen Key das „Jahrhundert des Kindes“ aus (mit ihrem Buch, das so heißt; Schweden 1900, D: 1902). Sie gibt einen Anstoß zur Reformpädagogik, fordert koedukativen Unterricht, also m-w-gemischte Schulklassen, fächerübergreifenden und projektorientierten Unterricht; die Odenwaldschule orientiert sich an ihren Vorschlägen. Kritik wird laut, aber nicht an ihren inhaltlichen Ideen, sondern an den gemischten Klassen. „Passiert denn da nichts?!“ Als ob.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.