Erinnerungen.

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Heute ist der Tag. Der Tag. …der Tag, an welchem vor zwei Jahren ich eine Entscheidung zu treffen hatte. Eine Entscheidung, die ich bereue, aber nicht rückgängig machen kann. Muss ich eine solche Entscheidung erneut treffen – ich werde mich anders entscheiden. Das weiß ich. Nun, zumindest werde ich noch mehr darüber nachdenken. Weil ich jetzt weiß, was für Konsequenzen es sind, die auf eine solche Entscheidung folgen. Ich wünsche niemandem vor einer solchen Entscheidung zu stehen. Und doch bekam ich neulich mit, wie es Menschen in meinem Umfeld so ähnlich erging. Jeder muss diese Entscheidung für sich selbst treffen. Niemand kann sie einem abnehmen. Wichtig ist, das weiß ich jetzt, sich Zeit zu nehmen, Zeit zum Denken und Zeit zum Trauern. Wann man sich diese Zeit nimmt, hängt vermutlich auch von den Umständen ab, in denen man steckt. Letztlich braucht man aber diese Zeit, ob sofort oder in Raten. Jedenfalls kann ich das für mich sagen – ich brauche diese Zeit. Und ich habe damals entschieden nicht zu fahren. Deshalb zahle ich jetzt die Raten. Obwohl ich auch damals getrauert habe – nur nicht richtig. So weit entfernt von dem Ort an dem ich sein sollte. So weit entfernt von Menschen, die mich vielleicht hätten verstehen können, von Menschen, die mich wirklich und ehrlich mochten. Und die mich nicht als Bürde sahen, weil ich nicht fähig war zu tun, wofür ich an diesem weit entfernten Ort war.

Erinnerungen. Heute. Auch an anderen Tagen. Aber besonders heute, am 05. August. Vor zwei Jahren um diese Tageszeit, ein bisschen früher am Abend, kam der Anruf. Ich hatte viel zu erzählen, mein Gesprächspartner hörte mir geduldig zu, wie ich von den aufregenden Erlebnissen berichtete. Voller Eifer, Aufregung und Vorfreude auf die vor mir liegenden 3 Wochen. Nachdem ich fertig war, gab es eine Pause. Und dann wurde mir klar: Sie hatte mich nicht angerufen, damit ich ihr erzähle was bei mir passiert, sondern um mir zu erzählen, was daheim passiert war. Ich weinte. Ich musste es den anderen sagen. Und irgendwie kam nicht wirklich die Reaktion, die ich gebraucht hätte. Die ich mir gewünscht hätte. Gut, was ich mir gewünscht hätte…nun. Kindereien. So ist das, wenn man sich schnell in nette Menschen verguckt. Das machte es nur noch schwieriger. Letztlich aber war ich einfach nicht in der Lage mit der Situation umzugehen. M. hätte da auch nicht viel tun können.

Ich habe mich gegen die lange, teure Fahrt entschieden. Ich habe entschieden, dass ich nicht zur Beerdigung meiner Oma gehe. Und ich bereue es zutiefst. Ich war nicht dabei. Ich habe mich von ihr verabschiedet, bevor ich fuhr. Und ich weiß, dass sie selbst das kaum mitbekommen hat. Sie war schon so verwirrt. 92 – zweiundneunzig – Jahre war sie alt. Zwanzig Jahre meines Lebens habe ich mit ihr verbracht. Und kennen gelernt habe ich so wenig von ihr. Ich vermisse sie. Wenn ich am mittlerweile sehr schicken Pflegeheim vorbeifahre, in dem sie in dessen Anfängen gewohnt hat, denke ich an sie. Wenn ich an ihrem Haus vorbeifahre, ihrem Haus, aus dem sie ausziehen musste, weil es nicht mehr ging, in dem sie so lange mit ihrer Familie und schließlich allein gewohnt hat, dann denke ich an sie. Daran, wie ich als Kind über die Steinplatten in ihrem Gemüsegarten gehüpft bin. An die Fotos, die vor den Rhododendren von mir gemacht wurden. An das Blumenquartett im Telefonschränkchen und an die Filzstifte, genauso wie an die Gläser mit den Luftballons und das Glas mit dem Rennauto. Daran, dass in ihrem Bad immer eine Dose ATA stand und der Toilettendeckel einen flauschigen Bezug hatte. Daran, dass ich fast nie in ihrem Wohnzimmer war, meistens in der Küche und manchmal „in d‘ lüttje Stuuv“. Dass wir eines der ersten Fußball-WM-Spiele, an das ich mich erinnere gesehen zu haben, bei ihr guckten, und Miroslav Klose in diesem Spiel Tore schoss (oder war es gar nicht die deutsche Elf, die spielte?).

Sie wollte immer etwas anbieten. Das war ihr wichtig. Ob Kekse oder Kuchen oder irgendwas. Etwas anbieten können, darum ging es. Nicht darum, zu zeigen, was man hat, sondern es einfach tun zu können, weil man es kann. Der Krieg hat deutliche Spuren hinterlassen, genauso wie die Arbeiterklassenzugehörigkeit. Wie oft hab ich die Geschichte gehört, wie sie darum gekämpft hat, dass mein Vater auf eine höhere Schule kommt, obwohl er ein Arbeiterkind war. Wie stolz und dankbar bin ich, dass sie das erreicht hat.

Ich weiß noch genau, dass ich mich als Kind immer gewundert habe, warum der Name meines mir unbekannten Opas auf dem Klingelschild ihres Hauses stand. Irgendwann hab ich mich getraut zu fragen. Bis dahin hatte ich mir schon die seltsamsten Erklärungen einfallen lassen. Möglicherweise sah man ja so selten auf sein eigenes Klingelschild (wer klingelt schon bei sich selbst), dass einfach vergessen wurde es auszutauschen, nachdem der Herr des Hauses nicht mehr da war. Ich wurde eines besseren belehrt: Für eine alleinstehende Frau war ein Klingelschild mit dem Namen des Mannes, selbst des verstorbenen Mannes, eine Sicherheit. Wenn nun jemand Fremdes klingeln würde, sie ihm die Tür öffnete und dieser nun Böses von ihr wollte, so könnte sie immer noch ins Haus nach ihrem Mann rufen. Sicherheit. Aber was muss das für ein Gefühl gewesen sein, jahrelang, jahrzehntelang, tagein, tagaus, den Namen des verstorbenen Mannes neben der Haustür zu haben? Ich habe sie nie nach ihm gefragt. Als Kind hat man zwar Fragen und man fragt viel, aber man hat auch ein gewisses Gespür dafür, welche Fragen man nicht stellen sollte. Ich habe einen Haufen solcher Fragen. Vielleicht stelle ich sie eines Tages.

Ich vermisse sie. Ich vermisse die guten Zeiten mit ihr, die Zeiten, in denen wir uns fast nahe kamen. Damals…als ich nach der Schule bei ihr aus dem Bus stieg, um sie zu besuchen. Um auf einen Cappuccino vorbei zu kommen. Damals. Cappuccino-Zeiten. Heute denke ich immer noch an sie, wenn ich Cappuccino trinke. Lange nicht jedes Mal, ich trinke viel Cappuccino. Aber manchmal. Denn sie war diejenige, mit der ich meinen ersten Cappuccino trank. ♥

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