Relativ.

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Über Weltgeschehen. Über mich. Über Relation. Vor allem aber über mich.

Angesichts der Geschehnisse in der Welt erscheint mein Leben klein und harmlos. Probleme? Was bedeuten die schon, wie groß können die schon sein? – Andere Menschen fliehen aus ihrer Heimat, weil sie es müssen, weil sie keine andere Chance haben. Andere Menschen werden „einfach so“ erschossen, dabei wollten sie einen schönen Abend haben, waren, wie man so sagt, zur falschen Zeit am falschen Ort. Andere Menschen trauern um verstorbene Verwandte und Freunde. Andere Menschen haben Angst um ihr Leben, ihre Existenz, das Leben ihrer Liebsten. All das habe ich nicht erlebt. Wer weiß, vielleicht erreicht es eines Tages auch mich. Doch bis heute führe ich ein recht behütetes Leben, verglichen mit all den anderen Menschen, denen es so oder ähnlich geht wie beschrieben. Mir geht es relativ gut. Relativ.

Ich habe früh gelernt, dass sich mit anderen zu vergleichen im Trend liegt, aber nicht unbedingt positiv ist. Die Auswirkungen können sogar negativ, schädlich sein. Ich habe versucht, mich zu betrachten, mich allein, nicht mich in Relation zu anderen. Ich hielt meinen Körper für gut und vielleicht auch für das Maß der Dinge, habe mich zumindest nicht an Schönheitsidealen oder anderen Menschen gemessen, sondern diese an mir – wenn überhaupt. Ebenso hielt ich es mit der Intelligenz. Irgendwann veränderte sich diese Einstellung, ich bemerkte das gar nicht richtig. Erst später, nach vollzogenem Wandel, fiel mir auf, dass ich mich verändert hatte. Dann kämpfte ich, kämpfte für meine alte Einstellung, für die unbeschwerte, leichte Sicht auf die Welt um mich herum und auf mich. Ich konnte sie nicht gänzlich zurück gewinnen. Manchmal, für meinen Geschmack zu oft, ziehe ich den Vergleich zwischen der Welt und mir, zwischen anderen und mir. Manchmal erscheint es unabdingbar. Heute zum Beispiel. Heute sehe ich Bilder aus Paris, Bilder von den Anschlägen, Bilder von verletzten Menschen, von Toten, von Trauernden, Bilder voller Angst und Schrecken. An anderen Tagen sind die Nachrichten gefüllt mit Meldungen über Flucht und Krieg, heute war es Terror. Dann kann ich meinen Blick nicht bei mir lassen, ich kann es nicht. Ich denke an all die Menschen, denen es in diesem Moment augenscheinlich so viel schlechter geht als mir. Meine eigenen Probleme, Sorgen, Ängste werden klein, zumindest relativ betrachtet. Tatsächlich bleiben sie groß, doch in Relation erscheinen sie klein. In der Welt gibt es so viel Elend, Angst, Schrecken, Probleme, Sorgen – und ich kann nichts daran ändern. Sicherlich helfen kleine Taten, Engagement, Hilfe wo es geht, gute Gedanken und Gebete… Doch im großen Ganzen kann ich nichts tun. Ich fühle mich ohnmächtig.

Auch bei meinen eigenen Problemen, Sorgen und Ängsten fühle ich mich oft ohnmächtig. Der Unterschied zu meiner gefühlten Ohnmacht angesichts der großen Weltprobleme ist jedoch: Meine eigenen Probleme kann ich angehen. Ich kann bei mir anfangen. Es fühlt sich meist nicht danach an, aber ich kann etwas bewegen, ich kann etwas verändern. Ich muss mich trauen, muss Hürden überwinden. Die persönlichen Hürden sind oftmals besonders schwierig zu überwinden. Ich muss mich dazu mit mir selbst beschäftigen, muss Dinge überdenken, muss sie mir verdeutlichen. Das ist anstrengend, teilweise schmerzhaft, und überhaupt ist es ein langer Prozess. Es gibt nicht immer erfreuliche Ergebnisse. Aber ich kann es tun. Der erste Schritt kommt mir nur besonders schwer vor, weil ich ihn noch nicht getan hab, „aller Anfang ist schwer“, heißt es im Volksmund, „und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, weiß Hesse. Anfangen…aber „der Anfang anzufangen ist hart“, weiß auch SDP. Ich könnte noch weiter vom Anfangen schreiben. Oder ich schreibe vom Aufhören, denn Aufhören ist wie Anfangen. Vielleicht ist es sogar das Gleiche… Wenn ich etwas anfange, dann höre ich mit etwas Anderem auf. Und wenn ich mit etwas aufhöre, dann fange ich etwas Anderes an. Doch wie helfen mir diese Gedanken im Umgang mit meinen Sorgen, Ängsten und Problemen? Wenn ich aufhöre mir Sorgen zu machen, habe ich mehr Raum, Zeit und Energie für andere Dinge. Doch ich mache mir Sorgen, einfach so, ich glaube kaum, dass ich es bewusst steuern kann. Zumindest glaube ich nicht, dass ich einfach aufhören kann mich zu sorgen. Glaube…da war doch was: „Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.“ So heißt es in Matthäus 6,34, Luther-Übersetzung, die Übersetzung in der Hoffnung für alle lautet: „Deshalb sorgt euch nicht um morgen – der nächste Tag wird für sich selber sorgen!“ – Sorgt euch nicht. Legt eure Sorgen in Gottes Hände, legt alles in seine Hände. Das klingt einerseits verlockend und einfach, andererseits auch nach Aufgeben, und ich will nicht aufgeben. Allerdings…die Sorgen abzugeben – ist das aufgeben? Oder ist das ein Aufgeben der Sorgen und ist das in Ordnung für mich? Ich glaube. Das steht fest. Doch die Umsetzung fällt mir manchmal schwer. Vertrauen. Abgeben. Ruhen. Es wäre so schön und ist so schwer.

Ich habe Angst. Angst vor dem Terror, vor Krieg, Angst vor etwas, das vielleicht weit weg ist und vielleicht auch sehr nah dran. Es ist nur noch nicht offensichtlich hier. Wir sind noch nicht mittendrin, nur nebenan. Zum Glück. Doch wie lange noch? Ich habe Angst. Normalerweise kann ich diese Angst von mir weg schieben. Nur an Tagen wie diesen ist sie so präsent, dass sie sich nicht weg schieben lässt. Es ist die Angst vor etwas, das ich nicht greifen, nicht begreifen kann. Es ist die Angst vor etwas, das ich noch nicht erlebt habe. Und es ist die Angst vor Auswirkungen von mir Unbegreiflichem, vor Kriegen ebenso wie dem Klimawandel.

Ich habe aber auch Angst im Kleinen. Ich sorge mich. Und ich habe Probleme. Nur angesichts der Ereignisse von Paris, angesichts der Ereignisse auf der Welt, die heute so präsent sind, kann ich sie an diesem Abend nicht mehr angehen. Ich weiß, dass ich sie angehen kann, meine Probleme, Sorgen und Ängste. Ich weiß, dass ich die Stärke habe, mit ihnen fertig zu werden. Ich habe diese Stärke, ich bin mir ihrer nur nicht immer bewusst und ich kann sie nicht immer abrufen. Das macht den Umgang mit den Ängsten, Sorgen und Problemen schwierig. Ich wünsche mir Unterstützung, zumindest für den Anfang und für den Moment vor dem Anfang. Vielleicht bin ich in dem Moment nicht stark genug, vielleicht traue ich mich auch nicht auf meine Stärke zuzugreifen. Dann wäre es schön, wenn jemand da ist, der an mich glaubt, an mich und meine Stärke, und der mich ermutigt und mir notfalls, wenn ich es doch nicht schaffen sollte, auch Unterstützung anbietet. Das wäre schön, das wünsche ich mir.

Ich. Die Welt. Relation. In der Welt bin ich relativ klein. In meiner Welt bin ich der Mittelpunkt, ich bin meine Welt, dort bin ich groß – auch wenn ich mich klein fühle. In der Welt bleibe ich klein, egal wie groß oder klein ich mich fühle. Aber wenn ich mich groß fühle, vielleicht handle ich dann auch groß, vielleicht wirke ich dann auch groß, vielleicht kommt mit dem Gefühl der Größe auch Stärke dazu. Vielleicht. Einen Versuch wäre es wert – kostete er nur nicht so viel Kraft. Kraft habe ich im Moment so wenig, da fühle ich mich klein. Doch ich fange an, ganz langsam und vorsichtig, und schaue, was passiert. Los.

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