Anders.

Standard

Ich bin anders. Manchmal fühle ich mich damit gut, manchmal nicht so sehr. Ändern kann ich es nicht. Ich möchte es auch nicht ändern. Ich mag mich. Meistens zumindest.

Ich mag es mit mir allein zu sein. Ich halte mich gern allein in meinem Zimmer auf, beschäftige mich mit Dingen oder Gedanken, mit Musik, dem Sortieren von Sachen, manchmal auch kreativ. Ich lese gern, verschiedene Romane, Geschichten, und wenn ich sie mir ausgesucht habe auch gern Fachbücher. Ich sitze auch gern einfach nur da und träume.

In mir drin ist eine große bunte Welt. Vielleicht sind es sogar viele verschiedene Welten, so unterschiedlich sieht es da manchmal aus. Ich träume und denke, erstelle Monologe oder Gespräche, Szenen, Treffen. Ich überdenke Geschehenes, wiederhole Erlebtes. Manchmal denke ich mir alternative Enden aus, schreibe die Geschichte neu. Mein Innenleben ist mir wichtig. Besonders intensiv lebe ich morgens in der Zeit zwischen Nachtschlaf und Tageswachheit, wenn ich im Dämmerschlaf in meinem durchgewärmten Bett liege, mich nochmal umdrehe und die Träume der Nacht oder andere weiter verfolge und über vergangene oder kommende Tage nachdenke. Manchmal sind meine Gedanken sehr realitätsnah, manchmal sehr realitätsfern. Ich überlege, kalkuliere und plane. Und ich träume, spinne herum und phantasiere.

Ich ertrage Lärm wenig bis gar nicht. Lärm verursacht mir nicht nur klingende Ohren, sondern auch andere körperliche und seelische Schmerzen. Was genau Lärm ist, ist bekanntlich sehr individuell. Für mich ist Lärm: Baustellengeräusche vor dem Haus, Sirenen von Einsatzfahrzeugen, Verkehr allgemein, das „Rauschen“ der Stadt – all diese sich mischenden Menschen-, Maschinen- und Stadtgeräusche, Musik anderer Menschen (ob via Kopfhörer/ Smartphone/… was mir nicht gefällt, fällt unter Lärm), Gequatsche/ sinnentleerte Gespräche/ Gespräche anderer Menschen z.B. in der Bahn, die Geräusche elektrischer/ technischer Geräte (Lüftung, Rauschen, Brummen…), … Diese Liste lässt sich leicht noch erweitern. Fürs Erste soll das reichen.

Ich kann derartige Geräusche nicht einfach wegfiltern. Ich höre sie genauso laut und intensiv wie die Geräusche, die ich gern hören möchte. Bei mehreren Gesprächen in einem Zimmer höre und verstehe ich die Worte der anderen Menschen ebenso gut wie die meiner Gesprächspartnerin, was zur Folge hat, dass ich mich bewusst auf mein Gespräch konzentrieren und ebenso bewusst die anderen Gespräche überhören muss. Das ist anstrengend. Manchmal ist das nicht möglich. Dann schweife ich ab. Das Hören von Signalworten in einem Raum voller Gespräche (z.B. den eigenen Namen), während man selbst in ein Gespräch vertieft ist, ist ein Phänomen, das vielen Menschen bekannt sein dürfte. Mir geht es so, dass ich nach einer Weile in einem solchen Raum mit ein bisschen Konzentration alle Gesprächsthemen wiedergeben kann, auch Tage, manchmal Jahre später. Und das betrifft nicht nur die Gesprächsthemen, sondern auch verschiedene andere Details. Toll, oder? Kann man nutzen, oder? Früher hätte man vielleicht gesagt: Damit kann man zu „Wetten, dass…?“ gehen, oder? – Nein. Denn ich kann nicht steuern, welche Details ich mir merke. Wenn ich hinterher etwas zu der Situation gefragt werde, kann es sein, dass ich genau zu dieser Frage eine Antwort habe. Vielleicht kann ich aber auch genau das nicht beantworten, stattdessen weiß ich aber ganz viel Anderes drumherum zu berichten. Klingt anstrengend? Ja. Sagte ich bereits.

Ich brauche nach Situationen, die derart mit Informationen angefüllt sind, viel Zeit in Situationen, die weniger gefüllt sind. Eine solche Situation ist zum Beispiel morgens in meinem Bett, wenn ich keine neuen Reize aufnehme und nur in mir drin sortiere. Wenn ich mich vielen überladenen Situationen aussetze, ohne mir Ruhepausen zu gönnen (die ja faktisch keine sind, weil ich in ihnen viel verarbeiten muss), werde ich schnell gereizt (Ach. Schaut man sich nur mal das Wort selbst an, ist das schon deutlich.), reagiere vielleicht ungewohnt unfreundlich auf Ansprache und Anforderungen. Ich werde schneller müde, brauche deutlich mehr Schlaf und werde schneller krank.

Nicht nur meine Ohren und Augen nehmen wahr. Ich weiß nicht so richtig wie es funktioniert, aber ich nehme auch Stimmungen auf. Manchmal bin ich dann traurig oder ängstlich oder ärgerlich, ohne dass ich weiß, warum ich das gerade fühle. Besonders beim Ärger fällt es mir meist recht schnell auf, weil ich selten von mir aus ärgerlich bin. Dann habe ich diese Gefühle anderswo wahrgenommen und mitgenommen. Gefühle mitzunehmen ist deutlich leichter als sie wieder loszuwerden. Loswerden geht für mich gut über aktive Tätigkeiten, Gitarre spielen und Singen, Abwaschen, Wäsche aufhängen oder falten. Gehen geht auch, schnell und weit und draußen, am besten mit den guten hohen Wanderschuhen, gern auch bei Regenwetter – wichtig ist, dass mir dabei möglichst wenige Menschen begegnen und im Weg sind.

Ein weiteres empfindliches Sinnesorgan ist meine Nase: Es gibt so viele Gerüche, die ich unangenehm finde. Ich ertrage viele chemischen Düfte nicht, Deo, Shampoo und Duschgel zum Beispiel. Oder Parfüm. Mein Deo ist unparfümiert, mein Duschzeug kaufe ich bei Lush. Den überbordenden Geruch eines Lush Store ertrage ich an schlechten Tagen nicht, an guten Tagen finde ich ihn herrlich. Um den Eingangsbereich von Douglas hingegen mache ich einen großen Bogen. Fleischgeruch lässt mir meist übel werden. Der Körpergeruch mancher Menschen ist für mich unerträglich, das muss nicht einmal starker Schweißgeruch sein, sondern kann auch „ganz harmlos“ der Eigengeruch sein, oder die Mischung aus Duschzeug, Parfüm, Deo und Mensch. Oder das Waschmittel! Waschmittel finde ich furchtbar. Meine Wäsche wasche ich mit sehr duftneutralem Waschmittel, das auch schon meine Eltern benutzten. Gebrauchte Kleidung und ge- oder verliehene Kleidungsstücke, die nach anderem Waschmittel riechen, kann ich nicht tragen, ohne dass ich mich sehr seltsam fühle (wieder: an guten Tagen geht das, an schlechten gar nicht). Durch das duftneutrale Waschmittel nehmen meine Sachen aber sehr schnell andere Gerüche an, beispielsweise den von Essen (bei Apfelkuchen ist das super!) oder von Rauch. Ein Besuch in der verrauchten Kneipe ist nicht nur währenddessen, sondern auch hinterher noch eine Qual.

 

Es gibt Begriffe für das Beschriebene, Hochsensibilität ist einer davon. Ich tue mich schwer mit dieser Kategorisierung, darum habe ich beschrieben und nicht etikettiert. Als ich den Begriff entdeckte und erfuhr, was er beschreibt, lernte ich mich neu kennen. Das war großartig und anstrengend. Ich überdachte mich, mein Leben, meine Erlebnisse und Erfahrungen, meine Entscheidungen und mein Selbstbild. Seitdem ist einige Zeit vergangen. Immer noch überdenke ich all das. Das tat ich vorher auch schon. Was jetzt anders ist: Ich verurteile mich nicht mehr dafür, dass ich anders bin als viele Menschen in meinem Umfeld. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die mir ähnlicher sind. Ich sehe hochsensible Züge in anderen Menschen und freue mich. Ich gehe mit mir selbst gelassener um, erlaube und verordne mir „Pausen“ und nehme ebenfalls gelassen hin, dass andere Menschen glauben, dass ich mehr Pausen mache. Ich weiß, dass ich in der Zeit sehr viel mache. Ich weiß, was ich leisten kann. Schon manches Mal habe ich großen Nutzen aus meinen Fähigkeiten gezogen. Nicht immer kann ich das so positiv sehen, oft fühle ich mich müde, angeschlagen und überfordert. Aber irgendwann erinnere ich mich dann daran zu prüfen, warum ich mich so fühle. Und wenn es sein kann, dass es an der Hochsensibilität liegt, verordne ich mir mal wieder eine Pause. Oder so.

Ich bin mittendrin, lerne mich immer besser kennen, finde immer wieder andere, manchmal neue, manchmal nur vergessene Mittel und Wege gut mit mir umzugehen. Ich bin gut. Das weiß ich. Und manchmal sehen das auch andere, das tut gut.

 

Wenn ich mal wieder viel und lange in meinen Gedankenprozessen hänge, wünsche ich mir ein Gegengewicht. Dann wünsche ich mir gute Gespräche, die tief gehen und bedeutsam sind, mit Menschen, denen etwas an diesen Gesprächen und an sich und mir liegt. Ich möchte ein gutes Gefühl dabei haben, mich ernst- und wahrgenommen fühlen und wertgeschätzt. Ich möchte nicht befürchten müssen, dass ich mich aufdränge mit meinen Ideen, meinen Gedanken und meiner Meinung. Es soll ein Austausch sein, der von einer tiefen Verbundenheit geprägt ist und nicht nur über Worte funktioniert, sondern mehr umfasst.

Leider sind solche Gespräche selten.

Was auch hilft, ist die Nähe zu guten Menschen. Herzmenschen, Nähemenschen. Der vertrauensvolle Austausch von Zweisamkeit (oder Dreisamkeit…), das wortlose Verständnis, die Wärme. All das tut unglaublich gut – wenn ich mich wertgeschätzt, wahrgenommen und willkommen fühle.

Aber auch diese Nähe ist leider selten.

Caring – mich um andere zu kümmern, ihnen gut zu tun und mich um sie zu bemühen. Zuhören, da sein. Das tut mir auch gut. Das kann ich auch, auch wenn ich vielleicht nicht den Anschein erwecke, weil ich so sehr mit mir selbst beschäftigt bin. Aber gerade dann tut es mir gut, wenn mir das Vertrauen entgegen gebracht wird, dass ich um Hilfe oder Beistand gebeten werde. Allerdings verbergen viele Menschen ihr Bedürfnis nach Hilfe oder Beistand vor mir, weil sie glauben, dass ich gerade zu viel mit mir selbst zu tun habe als dass sie mich mit ihren Belangen belasten könnten. Sie glauben, dass mir das dann viel zu viel wird. Also sagen sie nichts. Mein Problem ist dabei, dass ich das spüre. Wenn sie gut im Verbergen sind, spüre ich nur eine Ahnung, aber die ist anstrengend, weil ich sie oftmals nicht einzuordnen weiß. Wenn es nicht so gut verborgen ist, kann ich schon eher einordnen, was ich da wahrnehme, und kann es ansprechen. Leider führt das manchmal zu Missverständnissen und unschönen Situationen, weil manche Menschen so sehr darauf bedacht sind mich oder sich oder alle zu schützen, dass keine Gesprächsbasis zustande kommen kann. Ich möchte nicht überbehütet werden. Ich finde es rührend, wenn Menschen sich um mich sorgen. Manchmal mag das auch wirklich angebracht sein. Manchmal ist es wirklich gut. Aber oft ist es anstrengend. Ich möchte, dass mir zugetraut wird, dass ich etwas kann. Dass ich stark bin, dass ich stark für andere bin. Was mich selbst betrifft – vielleicht ist es da gut, wenn ich manchmal beschützt werde. Aber was meine Fähigkeiten betrifft andere zu unterstützen, da würde gerne ich abschätzen, wie viel ich mir zumuten möchte. Das versuche ich auch transparent zu machen. Wer mit mir redet, erfährt das auch.

 

So viele Gedanken an diesem späten Samstag Abend… Aber das war gerade auf dem Tisch, das musste hier rein. Fertig ist es nicht. Aber ich bin ja auch noch nicht fertig. Vielleicht bin ich das nie.

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  1. Anders? Ja. In diesem Fall heißt anders aber selten, und selten heißt wertvoll. In einigem finde ich mich wieder; vor allem die Sache mit der Balance aus dem Bedürfnis nach einem reichhaltigen Innenleben und tiefer Verbundenheit mit anderen, „guten“ Menschen.
    Ah, ich mag die unverstellte Art, in der du das alles erzählst. Könnte ich stundenlang lesen. Weiter so!

    • Danke für deine Worte!
      Ich gebe zu, ich bin jedes Mal aufs Neue überrascht, wenn meine Worte hier gelesen und dann auch noch kommentiert werden. Das ist spannend. Fast aufregend. Genau das mag ich am Blog: Ich kann einfach drauflos schreiben, Sachen runtertippen und speichern, ohne jemand Bestimmtes als Leser*in im Sinn zu haben, aber auch ohne nur für mich oder die Ablage zu schreiben. Ich erzähle das quasi meinem Tagebuch, ganz intim, aber gleichzeitig der Welt.
      In diesem Sinne: Hallo du, du Teil der Welt. Schön, dass du da bist. Und wenn du länger bleiben magst: Meld dich, wenn du einen Tee oder so zur Lektüre dazu möchtest… 😉

    • Ja, es ist so eine (im besten Sinne) merkwürdige Halböffentlichkeit und Halbanonymität, in der man sich hier bewegen kann. Das hat mich auch immer gereizt. (Hatte in der Vergangenheit bereits andere Blogs). Ich könnte keinen sachlichen Blog mit meinem Foto und Klarnamen führen; und reines Tagebuchschreiben motiviert mich nicht genug. Aber das hier ist toll. 🙂

      Und ja, Pfefferminze hätte ich gerne. Kekse würden auch nicht schaden.

    • Ganz genau. 🙂 Selbstgebackene Plätzchen gibt es noch nicht, aber Lebkuchen und Spekulatius hätt‘ ich da. Der Tee ist aufgebrüht…
      Ich schreibe durchaus Tagebuch (ohne Buch, sondern auf einem ganz bestimmten Block, dessen Blätter ich dann immer mal abhefte). Für viele Gedanken ist das genau richtig für mich. Aber manchmal muss es eben dieses Internet sein und eine Tastatur.

  2. Der Artikel hat mich gestern Abend noch sehr beschäftigt, weil ich das alles sehr gut nachvollziehen kann (z.B. die Sache mit den Gerüchen), ohne dass ich es hätte in diese Worte fassen können. Mein Fazit am Ende war folgendes: Eigentlich ist es nicht merkwürdig, dass Du (oder ich oder andere) sensibel auf diese Reize reagierst/en, sondern es ist eher seltsam, dass eine offenbar überwiegende Mehrheit derart abgestumpft ist! Viele Grüße, und ich freue mich auf weitere Artikel.

    • Ich danke Dir!
      Und ja, ich denke auch manchmal, dass es seltsam ist, dass es nicht viel mehr Menschen so geht – zum Beispiel, wenn ich irgendetwas bemerke und es anspreche und die Menschen um mich herum verwundert sagen: „Was dir alles auffällt…“
      Manchmal würd ich aber auch gern mal die Sinne auf Standby setzen und Pause machen von all den Eindrücken. Wenn das so auf Knopfdruck möglich wäre – traumhaft. Für andere Fälle hab ich meist zumindest gute Kopfhörer und Musik und notfalls auch Ohropax dabei, wenn ich unterwegs bin. Das hilft nur nicht so wirklich gegen Gerüche. 😉

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