Berühr mich [nicht].

Standard

Berühr mich – berühr mich nicht. Über den Wunsch und das Bedürfnis nach Nähe und Distanz.

Berühr mich.

Ich brauche deine Nähe, brauche menschlichen Kontakt. Hautkontakt, Wärmeaustausch. Nähe. Ehrliche Nähe, die gut tut, die befriedigend ist. Die auf Gegenseitigkeit beruht. Ich wünsche mir Nähe, Nähe von lieben Menschen. Da sind bestimmte Menschen, diese Freundin und jene vor allem. Aber es ist auch der Wunsch nach Berührungen von lieben Menschen allgemein, es können neue Menschen sein, die ich erst noch kennen lerne. Ich muss sie nur erst kennen lernen, denn Nähe zulassen kann ich nur mit viel Vertrauen. Ich muss Vertrauen haben, dass mein Wunsch nach Nähe nicht als Aufdringlichkeit wahrgenommen wird. Dass der Wunsch auf Gegenseitigkeit beruht. Berühr mich – einfache Worte, eine einfache Bitte. Mir fällt es so schwer sie auszusprechen. Berühr mich, fass mich an, streichel mich, halt mich fest. Ich möchte unter deinen Berührungen meinen Schmerz vergessen, möchte die innere Härte schmelzen lassen, die Verspannungen lösen. Du kannst sie wegzaubern, die Schmerzen und all das Schlechte und Böse und Unangenehme, allein mit deinen Händen. Berühr mich. Ich bitte dich. Sei gut zu mir. Sei da. Und lass mich sein, einfach sein in deinem Arm.

Berühr mich – innerlich. Rühre mich an, bringe mein Inneres zum Schwingen. Das machen manche Menschen einfach nur durch ihr Sein. Ich habe schon ein paar solcher Menschen kennen gelernt. Sie berühren mich und faszinieren mich. Dieses Etwas macht sie interessant für mich. Ich kann es nicht beschreiben, es ist irgendwas in ihnen. Es ist auch nicht immer gleich. Vielleicht ist es auch bei jedem Menschen ganz individuell, und bei manchen berührt mich ihre persönliche Schwingung sehr und bei anderen gar nicht oder gar negativ. Es gibt aber eben Menschen, die mich zum inneren Schwingen bringen. Das finde ich faszinierend und wundervoll. Wundervolle Menschen sind das. Berühren können mich aber auch die Menschen, die nicht von sich aus mein Inneres zum Schwingen bringen, nur weil sie sind. Es geht auch anders. Über Musik oder mit Worten geht es besonders gut. Mit Ehrlichkeit. Ich wünsche mir berührende, beschwingende Kommunikation, einen Austausch, der sich lohnt. Mehrwert, der einfach dadurch entsteht, dass es gut ist, was passiert.

Berühr mich nicht.

Fass mich nicht an. Nicht im Vorbeigehen, nicht aus Versehen, erst recht nicht mit Absicht. Du in der Fußgängerzone, du in der Bahn. Halt dich von mir fern. In dieser Gesellschaft gibt es ungeschriebene Regeln. Beachte sie. Bitte. Ich brauche diesen Abstand, ich verabscheue diese Berührungen. Menschenmengen und Gedränge sind mit ein Gräuel. An der Endhaltestelle der Bahn auszusteigen und mit sehr vielen anderen Menschen gleichzeitig über den Bahnsteig und die Treppe hinab gehen, von allen Seiten Rucksäcke, Taschen, Koffer und vor allem Arme, Ellenbogen…haltet euch von mir fern! Das kann doch nicht so schwer sein. Ich vermeide solche Situationen, wenn es geht. Es geht leider nicht immer. Ich habe nicht immer ein Problem damit. Aber wenn ich ohnehin emotional beschäftigt bin oder einen sonstwie schwierigen Tag habe, dann finde ich Berührungen, die zufällig entstehen und von mir fremden Personen ausgehen, furchtbar. Selbst Berührungen von mir bekannten Personen kann ich dann kaum ertragen. Dabei bräuchte ich eigentlich genau dann eine ehrliche Umarmung und Nähe zu und von lieben Menschen. Nur hat sich dann in mir und um mich schon so viel angesammelt, dass ich, selbst wenn sich eine Chance bietet, erst einmal abwehre. Die Nähe muss erst durch diese Schicht aus Unwohlsein durch, um mich berühren zu können und um ihre Wirkung in mir zu entfalten. Das dauert. Also: Berühr mich nicht, aber berühr mich. Berühr mich, aber berühr mich nicht. Schaff es irgendwie zu mir durchzudringen, berühr mich. Lass dich nicht abschrecken. Sei da, für mich, mit mir. Du, der_die mir nah sein soll, mir nah sein darf, dem_der ich Vertrauen entgegenbringe. Und berühr mich nicht, du, der_die mir unbekannt ist und mich nur streift. Fass mich nicht an!

Berühr[t] mich nicht – Dinge, die gesagt werden, Gespräche, Fernsehen, andere Medien. Sie berühren mich nicht, bringen nicht mein Innerstes zum Schwingen, erfreuen mich nicht. Es gibt gute Dinge, die gesagt werden, gute Gespräche, selbst im Fernsehen und in anderen Medien gibt es Beiträge, die das schaffen. Aber sehr viel rauscht nur so durch und strengt mich an. Es hinterlässt Spuren auf mir, in mir. Aber das sind keine guten Schwingungen, sondern Ablagerungen, die mich träge machen, die sich wie Staub auf meine Seele setzen und mich abstumpfen lassen, mich abschotten gegen die Liebe, die Nähe, die guten Schwingungen. Durchdrungen werden können diese Ablagerungen von dir, der_die mir Liebe entgegen bringt. Von Licht und Wärme, von Nähe. Berührungen tragen dazu bei, dass die Schale zerbirst, dass die Staubschicht verweht, dass der Dreck abgetragen wird und der Glanz in mir wieder zum Vorschein kommt und dein Glanz mich treffen kann. Also: Berühr mich. Bitte. Berühr mich und hilf mir zuzulassen, dass ich berührt werde. Du, den_die ich liebe, dem_der ich vertraue. Darum bitte ich dich.

Das erscheint vielleicht irgendwie egoistisch und egozentrisch. Doch von meinem Berührtsein hast auch du etwas. Ich schenke dir meinen Glanz, den du zum Vorschein bringst. Ich zeige mich dir, ganz und klar und ehrlich. Das ist ein besonderes Geschenk – glaube ich. Denn ich zeige nicht viel nach außen. Zumindest habe ich mir das sagen lassen: dass ich unscheinbar wirke, wenn man mich nicht kennt, und dass ich dann, wenn ich Menschen näher an mich heran lasse, umso mehr überrasche. Und dass ich großartig bin, man das nur nicht sofort erkennen kann. Also: Berühr mich und ich öffne mich dir. Ehrlich, so ehrlich wie du zu mir bist, so bin ich zu dir. Lass uns Nähe teilen, das tut dir und mir gut.

Immer noch egozentrisch, ja. Aber das ist an dieser Stelle so, wie an vielen anderen auch. Geht halt auch um mich. Und das ist gut so.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.