Weitergedacht.

Standard

Es gibt also Menschen, die andere Menschen erst dann sexuell attraktiv finden (können), wenn sie eine gewisse emotionale Bindung aufgebaut haben, wenn eine gewisse Vertrautheit besteht. Spannend zu lesen. Bei mir ist es anders, vielleicht sogar andersherum: Ich kann nur den Menschen vertrauen und nur zu denen eine tatsächliche emotionale Verbindung aufbauen, mit denen ich (potenziell) auch schlafen würde. Das ist insgesamt etwas zu plakativ formuliert, es gibt ein paar Abstufungen und Feinheiten*. Doch grundsätzlich ist es schon so, dass ich bei Menschen zuerst abchecke, wie weit ich mit ihnen gehen würde, wenn sich die Gelegenheit ergäbe. Erst dann kann ich mich ihnen öffnen, erst dann kann ich ihnen ehrlich zuhören und begegnen. Am Anfang einer Interaktion ist dann oft noch der Reiz da zu gucken wie weit mein Gegenüber mit mir gehen würde – aber das zu testen ist selten Gelegenheit. Also verfliegen diese Gedanken dann – oder sie sitzen fest. Dann bleiben sie oft länger und ich schlage mich mit der Frage herum, ob ich hier eine vertrauensvolle Freundschaft gefunden habe oder ob ich mir eine Beziehung wünsche. Ich finde es unglaublich schwierig, zwischen einer Freundschaft und einer Beziehung zu unterscheiden. Nein, halt, das ist nicht richtig. Das muss ich präzisieren: Ich finde es unglaublich schwierig, Freundschaft zu definieren und auszumachen was dazugehört und was nicht. Und ich finde unglaublich schwierig für mich zu differenzieren, ob ich mir von und mit einem Menschen eine Freundschaft oder eine Beziehung wünsche. Manchmal würde ich gern um diese Unterscheidung herum kommen, doch oftmals verlangt nicht nur mein Gegenüber, sondern auch mein eigenes Gefühl nach einer Definition. Ich finde den Gedanken, eine Freundschaft mit der Intimität von Sex zu intensivieren, sehr attraktiv. Leider hängen da oftmals so viele Faktoren dran, die das alles unnötig verkomplizieren, dass ich das lieber lasse(n sollte). Da sind mir die besonders guten Gespräche, die in intimen, persönlichen, guten Situationen entstehen, noch lieber als der Sex, auch wenn der bestimmt schön und spannend wäre. Intime, tief gehende Gespräche sind mir sehr, sehr wichtig. Wenn ich eine Zeit lang zu wenige davon führen konnte, bin ich sehr unzufrieden. Sex fehlt mir nicht so sehr wie diese Gespräche.

Wenn ich mich auf einen Menschen einlasse, kann ich mir alles vorstellen: Quatschen, Reden, Philosophieren, gedankliche Nähe, körperliche Nähe, Sex**. Ich liebe diesen Menschen. Von Grund auf, ehrlich und ganz. Ich wünsche mir auch all das und möchte auch geliebt werden. Ich wünsche mir Aufmerksamkeit, Anerkennung (=Gesehenwerden), Ehrlichkeit, Nähe, Liebe. Das ist viel, möglicherweise. Für mich ist es so wie es ist, aber für andere ist es vielleicht viel. Ich kann nicht sehen, wo die Grenzen verlaufen, die abstecken, was eine Freundschaft und was eine Beziehung ausmacht. Oder was auch immer da abzustecken ist. Ich kann alles geben, alles wünschen, alles sein, alles fühlen. Aber wenn ich das kommuniziere, auf welche Art auch immer, stoße ich offensichtlich an die Grenzen meines Gegenübers. Er_sie fühlt sich möglicherweise bedrängt, überfordert. Dabei möchte ich nur meine Gefühle kundtun. Ich glaube, dass Liebe wertvoll ist und dass sie offen gelegt werden sollte. Aber irgendwie verstehe ich auch, dass es Menschen überfordert, wie ich liebe. Es ist irgendwie anders und Andersartigkeit kann überfordern. Ich kann es selbst nicht beschreiben oder erklären. Das ist schwierig.

Ich wünsche mir ehrliche Beziehungen zu lieben, guten Menschen. Ich wünsche mir Offenheit, Ehrlichkeit, Nähe und Liebe. Ich habe ein paar Menschen in meinem Umfeld, mit denen das (mehr oder weniger gut) geht. Ich liebe diese meine Freund_innen. Aber mir tut weh, dass es nicht immer gut geht. Oft frage ich mich, ob das, was ich gerade gesagt oder getan habe (oder zu sagen/ zu tun gedenke), zu viel war (wäre). Und mir tut weh, dass es nicht mehr solcher Beziehungen gibt. Es gibt noch mehr Menschen, die ich interessant finde, die ich gern näher in meinem Leben hätte. Menschen, die ich gern kennen lernen würde, weil ich sie interessant finde, weil ich mir so viel mit ihnen vorstellen kann. Ich wünsche mir tiefe, intime Gespräche mit ihnen. Ich habe Fragen, die ich nicht zu stellen wage, weil die Situationen es nicht hergeben und ich den Menschen nicht „zu nahe treten“ möchte, ich möchte mich nicht aufdrängen. Aber ich wäre gern grundsätzlich ehrlich und offen zu ihnen. Das steht sich gegenüber. Und dann habe ich Träume… (Träume sind gut, ein bisschen Realität wäre aber auch mal wieder schön.) Manchmal wage ich einen Vorstoß. Manchmal gelingt das. Manchmal verlässt mich auch auf halber Strecke der Mut oder ich entdecke Zeichen, die dagegen sprechen. Oftmals wage ich aber gar nicht erst anzufangen, weil die Situation aussichtslos erscheint. Ich warte ab.



* Es gibt Menschen, mit denen ich nicht schlafen wollen würde, denen ich aber doch ein gewisses, durchaus großes Vertrauen entgegenbringe. Mit diesen Menschen teile ich andere intime Momente. Wenn man jahrelang auf relativ engem Raum zusammen wohnt und lebt, sich Bad, Küche, Waschmaschine und Töpfe nicht nur nacheinander, sondern auch miteinander teilt und zwangsläufig in guten wie kritischen Momenten ganz nah dran ist, bleibt das nicht aus. Zumindest bei mir. Ohne ein gewisses Vertrauen und diese Intimität in Wechselwirkung könnte ich nicht so leben, wie ich es tue. (Allerdings spielt hier auch der Aspekt hinein, dass ich den Grundsatz „Kein Sex mit Mitbewohner_innen“ sehr hoch halte…)


** Tatsächlich fällt mir beim zweiten Lesen auf, dass „Unternehmungen“ hier nicht aufgeführt sind und auch in der Realität eine untergeordnete Rolle spielen. Ich bin gern allein unterwegs. Manchmal unternehme ich auch etwas mit anderen Menschen. Mit denen möchte ich die Zeit aber möglichst sinnvoll verbringen, das bedeutet zuallererst Kennenlernen, Austausch und Nähe. Und das geht für mich am besten in reizarmer Umgebung, ohne irgendwas zu unternehmen, das über ein Treffen bei einem von uns daheim hinausgeht. Ich brauche geschützte Räume. Die gibt es möglicherweise auch im Lieblingseiscafé oder am Badesee, auch im Kino oder Theater, vielleicht sogar beim Shopping. Auch ein Spaziergang, gern in der Dunkelheit, ist möglich. Aber mir sind (zunächst) die Zeiten der „trauten Zweisamkeit“, in der ungestört Gespräche und Nähe stattfinden können, wichtig. Der Punkt ist, dass nicht die Unternehmung, sondern die gemeinsam erlebte Nähe und der Austausch im Vordergrund stehen. Das Wo und Wie ist untergeordnet.

Werbeanzeigen

»

  1. Das ist ja Wahnsinn. Im positiven Sinne, natürlich. Freut mich sehr, dass ich dir den Anstoß hierfür geben konnte!
    Was du über die Unmöglichkeit, die Grenzen einer Freundschaft zu bestimmen und den Übergang Beziehung/Freundschaft gesagt hast, hat mich besonders ins Grübeln gebracht. Wahrscheinlich werde ich das Spiel weiterspielen und dazu etwas auf meinem Blog schreiben. 🙂
    Zu einigen anderen Aspekten würde ich auch gerne etwas sagen, aber da muss ich wohl praktisch denken. Ich kann ja aus meinem Blogpost keinen Brief an dich machen, und die Kommentare eignen sich auch nicht gerade für ausschweifende Gedankengänge. Wie man sieht, werde ich ja schon ausschweifend, wenn ich nur über die Absichten schreibe, etwas zu schreiben. 😉

    Liebste Grüße!

    • 🙂 Ich bin gespannt.
      Im Übrigen kann ich nun auch selbstgebackene Plätzchen zum Tee reichen. Die habe zwar nicht ich selbst gebacken, aber sie sind in diesem Haushalt entstanden. 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.