A.*

Standard

Ereignisse einer Bahnfahrt.

Ich fahre Bahn. Es riecht unangenehm, dort wo ich sitze, im Bereich der vorderen Sitzplätze oben im Doppelstockwagen. Mein Versuch, den Geruch zu ignorieren, misslingt. Kurz überlege ich, ob die Ursache des Geruchs bei mir selbst liegt – ein durchgeschwitztes Baumwollshirt kann fies riechen. Verstohlen schnuppere ich an mir – nein, ich bin es nicht. Zeit vergeht. Der Schaffner kommt, um die Fahrkarten zu kontrollieren. Er macht eine Bemerkung über den Geruch, vermutet „Katzenurin oder Mauken“, sein Blick streift meine Füße, die ich auf dem mir gegenüberliegenden Sitz abgelegt habe. Heute habe ich meine Schuhe anbehalten, ein Infozettel über Streckenumleitungen aufgrund einer Bombenentschärfung trennt sie vom Sitzpolster. Also alles in Ordnung, nichts auszusetzen. Der Schaffner bietet an das Fenster zu öffnen. Ohne ihn könnten wir das nicht, man braucht so einen Vierkantschlüssel dazu, den er am Schlüsselbund trägt. Er schaut fragend in die Runde – ich nicke. Das zu öffnende Fenster befindet sich an der Sitzgruppe meiner gegenüber. Dort sitzt eine junge Frau, vielleicht ist sie etwas jünger als ich, vielleicht genauso alt, vielleicht etwas älter, das fällt mir schwer abzuschätzen. Sie trägt Kopfhörer, die mit ihrem Handy verbunden sind, vorhin nutzte sie das Headset zum Telefonieren. Sie scheint die Frage des Schaffners nicht mitbekommen zu haben, jedenfalls reagiert sie nicht darauf. Ihre Fahrkarte hält sie bereit. Der Schaffner wendet sich ihr direkt zu – „Ja? Soll ich mal aufmachen hier?“ – und macht einen Schritt Richtung Fenster. Nun steht er in der Sitzgruppe. Die junge Frau sieht ihn an, das Ticket in der Hand ihm entgegen gestreckt, und zieht einen Stöpsel aus dem Ohr. Der Schaffner, bereits den Vierkant in der Hand, ergänzt: „Verstehen Sie Deutsch?“ – Mich hat er das nicht gefragt. Aber ich habe auch direkt auf ihn reagiert. Die Frau bejaht. Der Schaffner fragt weiter, während er sich dem Fenster zuwendet: „Oder ham Se was dagegen?“ An die Frau, aber auch an die weiter hinten sitzenden Fahrgäste gewandt, sagt er, während er sich am Fenster zu schaffen macht und es schließlich öffnet: „Wenn’s zieht – einfach zudrücken!“ Dann stempelt er die Fahrkarte der jungen Frau, sagt „Merci beaucoup und Danke, gute Fahrt“ und geht weiter.
Wenig später telefoniert die Frau wieder und ich würde gern fragen, welche Sprache sie da spricht, aber ich traue mich nicht. Noch etwas später packt das Teenager-Mädchen in der ersten Sitzbank ein Deo aus ihrer Sporttasche aus und beginnt dieselbe damit einzusprühen. Ich bin sehr dankbar für das offene Fenster, der Deonebel ist mir noch unangenehmer als der Geruch, der auch nur kurzzeitig überdeckt wird. Noch später telefoniert die junge Frau erneut. Sie spricht Deutsch, ihre Stimme klingt warm, die Worte weich. Ich schaue kurz zu ihr rüber, sie sieht mich an und lächelt.


A.* – Ich habe überlegt, diesen Eintrag mit „Alltagsrassismen“ zu überschreiben, habe mich aber dagegen entschieden. Menschen sind individuell. Bestimmte offensichtliche Gemeinsamkeiten und bestimmte augenscheinliche Unterschiede sind entscheidend für bestimmte Verhaltensweisen von Menschen im Alltag. Ein kritischer Blick auf die eigenen ist hilfreich und öfter nötig, als einem selbst vermutlich lieb ist.

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