Wie ich nicht verreiste.

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Eigentlich wäre ich jetzt in Jerusalem. In dem Jerusalem, dem in Israel. Denn eigentlich wäre ich heute morgen in Hamburg in ein Flugzeug gestiegen und nach Tel Aviv-Jaffa geflogen. Mit einer Gruppe toller Menschen. Für zwei Wochen. Hab ich dann aber doch nicht gemacht. Stattdessen sitze ich jetzt hier und schreibe. Weil ich noch nicht ins Bett gehen mag, obwohl ich schon müde bin. Obendrein bin ich erkältet, so eine Halserkältung mit schmerzendem Hals und Kopf und wenig Stimme und viel Husten. Ich bin traurig, dass ich nicht in Israel bin. Dort sind mindestens 30 Grad, also tagsüber, nachts ist es kälter, da sind es nur noch so 20 Grad. Ich verpasse ganz viele tolle Sachen. Und ich wollte schon immer (immer!) mal nach Israel. Das wäre eine tolle Chance gewesen. Sehr günstig. Und toll begleitet. Stattdessen sitze ich hier und schreibe. Mache quasi sehr teuren Heimatruheurlaub. Aber es ist genau richtig so. Ich habe lange überlegt, habe mit mir gerungen, Freund*innen zu Rate gezogen und letztlich ganz allein entschieden, dass es richtig ist nicht zu fahren. Vielleicht laufe ich vor etwas davon. Aber wenn das so ist, dann ist das nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Ein großer Teil der Wahrheit lautet: Ich stelle mich meiner Angst. Ich bleibe bei ihr, behalte sie bei mir, akzeptiere sie und nehme sie an. Ich nehme mich ihrer an. Angst. Angst hat mich nicht fahren lassen. Angst hat mich fast handlungsunfähig gemacht. Angst hat mich schon oft davonlaufen lassen, hat mich Dinge entscheiden lassen, die nicht immer klug waren. Gestern habe ich, so glaube ich immer noch, eine kluge Entscheidung getroffen. Mit Angst. Mit sehr viel und sehr großer Angst. Aber nicht aus Angst. Oder doch? Ich habe Kopf, Herz und Bauch befragt. Der Kopf hatte viele Argumente sowohl für als auch gegen die Reise und hat sich irgendwann dagegen ausgesprochen. Der Bauch war verwirrt, aber tendenziell dagegen. Das Herz war dafür, das schlägt fürs Reisen und für die Israel-Palästina-Fahrt und die Gruppe und die Menschen und all das. Der Körper sagte: Du bist erschöpft, ruh dich aus. Und genau das mache ich jetzt. Ich habe hart gekämpft, gestern Nachmittag und Abend. Mit mir. Mit Gedanken und Gefühlen und vor allem mit ganz viel Angst. Was werden die Leute sagen, mit denen ich fahren wollte? Was werden meine Leute hier sagen, meine Freund*innen, meine Eltern? Ich werde es allen erklären müssen. Werde ich es bereuen, wenn ich hierbleibe? Vielleicht steiger ich mich da nur rein, vielleicht ist es alles gar nicht so schlimm. Werde ich es schaffen in einem fremden Land zurechtzukommen? Wie werde ich die Wärme verkraften? Sind wir dort sicher? Was ist, wenn ich beim Fliegen wieder so starke Ohrenschmerzen bekomme? Was, wenn ich meine Gruppe doch nicht mag? Wenn ich ihnen nur zur Last falle? Wenn meine Erkältung viel schlimmer wird? – So und so ähnlich und viel mehr davon dachte ich. Ich hatte furchtbare Angst. Es hat sehr lange gedauert und viele Textnachrichten hin und her mit der besten Freundin gebraucht, bis ich Kopf, Bauch und Herz fragen konnte. Ich habe das Packen rausgeschoben, den Abwasch ebenso. Letzte Handgriffe bis zur Abfahrt. Ich habe sie getan, geschafft, aber habe immer wieder Pausen gemacht und geweint. Habe die Abfahrt hinausgezögert, immer weiter. Ich hatte solche Angst. Dabei war mir ganz lange gar nicht so richtig bewusst, wovor ich eigentlich solche Angst hatte. Langsam kam ich dahinter, behutsames und drängenderes Nachfragen der Freundin, eigenes Überdenken und Zeit brachten mir Ideen: Ich hatte Angst meine Wohnung zu verlassen. Ich hatte Angst vor der Erkältung. Ich hatte Angst vor dem großen Stress, körperlichen, geistigen und seelischen Anstrengungen, die diese Reise zweifelsfrei mit sich bringen würde. Ich hatte Angst mich in die Obhut einer Gruppe zu begeben, die ich nur wenig kannte und der zu vertrauen mir schwer fiel. Ich hatte Angst vor dem Sicherheitsrisiko, das durchaus besteht. Ich hatte Angst vor dem Klima dort und dessen Auswirkungen auf mich. Ich hatte Angst vor meiner Schwäche und dass ich sie vor der Gruppe eingestehen müsste und damit hinderlich wäre. Ich hatte Angst davor die Menschen zu enttäuschen, wenn ich nicht mitführe. Ich hatte Angst mich selbst zu enttäuschen, wenn ich nicht mitführe. Ich hatte Angst jemandem davon zu erzählen. Ich hatte Angst, dass ich mich mit der Reise und allem überfordern könnte. Ich hatte Angst, mir könnten unterwegs wichtige Dinge abhanden kommen. Ich hatte Angst, das Geld, das ich bezahlt habe, in den Sand zu setzen. Ich hatte Angst, dem Land, von dem ich schon so lange träume es zu bereisen, nicht gerecht werden zu können. Ich hatte Angst vor Ort enttäuscht zu sein. Ich hatte Angst vor mir selbst davon zu laufen. Ich hatte Angst, ich könnte mich vielleicht in Israel wiederfinden oder neu finden oder ganz verlieren. Ich hatte Angst…vor noch so vielem mehr. Kurz: Ich hatte Angst. Und ich hatte das Gefühl, dass ich besser hierbleiben sollte. Denn ich überlegte: Wenn ich hierbleibe und bereue, dass ich nicht gefahren bin, ist das blöd und traurig und ärgerlich. Aber wenn ich fahre und dann bereue, dass ich gefahren bin, ist das viel blöder und ärgerlicher und beängstigender. Ich habe mir über das „verlorene“ Geld Gedanken gemacht. Und über die Menschen, die ich enttäusche und denen ich gegenübertreten und erzählen muss, dass ich nicht gefahren bin und warum. Und ich habe in mich hineingefühlt und festgestellt, dass mir erschreckend viel erschreckend egal ist und ich mich wahnsinnig nach Ruhe sehne. Vielleicht nach einer Höhle, in der sonst nicht viel ist. Nur ich, vielleicht eine Schlafstätte, die gemütlich ist, vielleicht ein paar Bücher. Sonst nichts. Ich habe es getestet, habe erst zu mir die Worte gesagt, dann den Entschluss der Freundin geschrieben. Dann hab ich versucht meine Mutter anzurufen, fest entschlossen. Sie ging nicht ran. Ich hatte wieder eine Gelegenheit bitterlich zu weinen. Habe ich viel geweint. Furchtbar viel. Irgendwie war das gut. Wahrscheinlich war sogar diese Angst gut. Ich habe zugelassen, dass ich Angst habe. Ich habe sie rausgelassen. Es war wahnsinnig viel Angst. Aber jetzt fühle ich mich besser. Sie ist noch da, anders als vorher, glaube ich. Sie ist noch da. Es gibt da dieses eine Zimmer, das voller Angst ist. Wenn man annimmt, dass es Zimmer in mir gibt. Wie in diesem Buch… Ich habe Zimmer in mir und die Zimmer haben Türen und die Türen haben Schlüssel. Ich kann Türen öffnen und schließen, ich darf nur keinen der Schlüssel wegwerfen, das ist wichtig. Manchmal kommt es vor, dass Türen sich öffnen oder schließen und ich das gar nicht bewusst gesteuert hab. Mal reicht ein Windstoß, mal etwas anderes. Gestern war ich in einem Zimmer, in dem sich ganz viel Angst gesammelt hatte. Manche Angst gehörte dort hinein, andere kam von irgendwoher, manche hatte sich mit anderer zusammengetan und war viel größer und mächtiger als allein für sich. So viel Angst, so durcheinander. Da war es schwer durchzublicken und mich nicht zu verlieren. Ich habe zeitweise die Realität aus dem Blick verloren. Ich weiß manche Dinge von gestern nicht mehr, habe viel wie in Trance getan. Vielleicht hatte der Raum keine Fenster, vielleicht hat die Angst sie verdeckt. Egal – ich habe herausgefunden. Ich habe herausgefunden und die Tür offen gelassen, damit die Angst sich verteilen kann, kleiner werden kann und vielleicht auch mein Haus verlässt. Vielleicht sucht sie sich angenehmere Orte, wird kleiner, umgänglicher. Vielleicht wird der Raum wieder heller, freundlicher, einladender. Vielleicht bleibt er auch der Raum, in dem Angst wohnen kann. Ein Raum, den ich manchmal besuche, und dann sind diese Besuche okay. Ich habe mehr Räume als diesen. Es sind viele Räume. Manche kenne ich noch nicht einmal. Manche habe ich schon lange nicht mehr betreten. Vielleicht ändert sich das nun, langsam. Schritt für Schritt, Stück für Stück. Ich möchte wieder mehr Räume nutzen, möchte besser wissen was in ihnen ist, möchte mich darin auskennen. Ich lasse mir Zeit. Ich nehme wahr, beobachte. Auch das ist eine Reise. Eine wichtige, wertvolle. Und ich kenne mich gut genug um zu wissen, dass ich diese Reise nicht gleichzeitig mit einer äußeren Reise antreten kann. Manchmal kann eine äußere Reise eine innere voranbringen, sie anstoßen, sie begleiten, sie unterstützen. Aber jetzt gerade ist es gut, dass ich die Wohnung für mich habe und mit mir und meinen Räumen alleine sein kann. Wenn ich Gesellschaft möchte, kann ich welche einladen. Ich habe wahnsinnig tolle Freund*innen. Und dann gibt es da noch die Möglichkeit der professionellen Gespräche. Auch die werde ich wohl weiter nutzen, auch wenn es mich Überwindung und Geld kostet. Aber das ist klug. Und kluge Entscheidungen…ja. Die kann ich treffen. Ich kann Entscheidungen treffen, die mich betreffen. Ich kann das. Ich kann für mich sorgen. Ich kann Angst haben. Ich kann damit leben. Ich gehe weiter, mit Angst, mit Entscheidungen, mit den Konsequenzen, mit …Zuversicht. Hoffentlich. Ich habe ja jetzt Zeit. Zwei Wochen Zeit, nur für mich. Teure Wochen, durchaus, wenn man es so sehen möchte. Aber mit viel viel Zeit für mich. Ich kann einfach in den Tag leben, kann schauen was passiert. Kann Bücher lesen, damit habe ich direkt angefangen. Ich kann die Zeit nutzen ohne mir to-do-Listen zu schreiben und Pläne zu machen. Ich mache einfach was mir in den Sinn kommt. Schreibe ein neues Lied (okay, die Melodie und Akkorde zu einem neulich geschriebenen Text). Schlafe. Gehe in die Sonne. Bin. Einfach. So. Ich muss nichts. Weniger müssen, mehr machen, so war doch das neue Motto. Herrlich. Und ganz nebenbei arbeite ich an mir. Aber das passiert einfach. Nebenbei. Ohne Druck. Das ist gut. Hey, Angst, ich hab dich endlich kennen gelernt. Du bist anstrengend, schlimm, aber ich komme damit klar. Ich kann mit dir umgehen. Wir kommen miteinander aus. Vielleicht bist du mir sogar nützlich?! Wir werden sehen.

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