Zeit.

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Zeit ist relativ. So relativ. Zumindest in meiner Wahrnehmung. Da vergeht sie so schnell. Tage, Wochen gehen dahin und ich tue – nichts. Dass das nicht wahr ist, weiß ich selbst. Ich tue was, ich tue viel. Manchmal zumindest. Manchmal mache ich auch weniger. Manchmal mache ich tatsächlich nicht mehr als im Bett zu liegen, zu schlafen oder zu dösen, zu denken und zu träumen. Manchmal ist das schwer auszuhalten. Ich brauche Zeit, so viel Zeit. Dinge brauchen Zeit. Ich möchte gern alles und sofort. Und dann auch noch richtig gut. Das geht aber nicht. Wirklich nicht.

Ich sollte. Anrufen. Telefonieren ist nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung, vor allem nicht mit Fremden und vor allem nicht mit Fachpersonal. Ich habe eine Liste. Mit der habe ich mich eingehend beschäftigt, habe Namen im Internet gesucht, Homepages angeschaut, so es welche gab. Ich habe angefangen anzurufen, erst zögerlich, sehr ängstlich. Dann stellte ich fest: Es geht quasi immer der Anrufbeantworter ran. Das machte mir Mut, ich rief überall an, um die Ansagen anzuhören und mir die Telefonsprechzeiten zu notieren. Das war vor Wochen. Jetzt gibt es diese Liste, darauf Namen und Nummern, daneben mit Bleistift notierte Sprechzeiten. Zeitfenster an verschiedenen Wochentagen, die ich abpassen muss, zu denen ich bereit sein muss zu telefonieren. – Ich muss gar nichts! Aber ich brauche dennoch einen Termin. Mindestens einen. Bei einem dieser Menschen anfangen, eine Person kennenlernen, gucken ob es passt. Am Telefon schon mal abklären, ob das mit der Kostenübernahme durch die Kasse überhaupt funktioniert, wenn nicht, weiter telefonieren. Eigentlich einfach. Ein Zeitfenster abpassen, anfangen. Doch anzufangen fällt mir schwer.

Aufzuhören fällt mir ebenfalls schwer. Ist das verwunderlich? Ist nicht jeder Anfang auch ein Ende und jedes Ende auch ein Anfang? Loslassen, ruhig werden, Gedanken treiben lassen. Loslassen, Altes gehen lassen, Vergangenes liegen lassen. Loslassen, gesund werden, mich erholen.

Manchmal ist Anfangen und Aufhören auch miteinander verwoben: Drei Modulprüfungen, ein kleines Kolloquium und eine Masterarbeit muss ich noch anfangen und fertigstellen, dann ist mein Studium beendet. Das Studium dauert nun immerhin schon sechseinhalb Jahre.

Wie lange bin ich schon in dieser Wellenkrankheit? Wie lange dauert das schon? Sicher ist: zu lange. Anzunehmen ist, dass sie mich mein Leben lang begleitet, dass ich aber lerne besser mit ihr auszukommen, immer früher zu erkennen wie es mir geht und was ich brauche – und mir das auch zu nehmen. Manchmal ist ein Wellental so tief, dass ich nicht glaube, dass es wieder hinauf geht. Ich spüre die Wellen über mir zusammenbrechen, fühle mich in die Tiefe gezogen, sehe kein Licht, nehme meine Umwelt nicht mehr wahr. Im Allgemeinen sind es im Moment hohe Wellen, die mich umgeben, das heißt, ich befinde mich in tiefen Wellentälern und komme kaum hinauf. Oben halten kann ich mich gerade nicht. All das erfordert Anstrengung, mich oben zu halten, hinauf zu kommen, aber auch unten zu sein. Kraft und Anstrengung. Ich bin müde, nein, kraftlos. Manchmal antriebslos, manchmal antriebsarm. Flow ist schon länger nicht mehr da gewesen. Ich suche nach Möglichkeiten hinauf zu kommen, nach Ideen, die die Wellen weniger hoch schlagen lassen, die die Täler ausgleichen. Suche ich wirklich? Auch die Suche ist anstrengend. Ich bin angespannt, ich fühle mich nicht wohl und fühle mich nicht gut. Mich nicht gut zu fühlen bedeutet auch, mich nicht gut zu spüren. Ich hab das Gefühl für mich selbst verloren, es fällt mir schwer mich selbst wahrzunehmen, meine Bedürfnisse zu erkennen. Was tut mir gut? Was brauche ich? Was mag ich? Was möchte ich? So kann ich mir selbst nicht wirklich gut tun. Das ist traurig. Selbstbewusstsein – das fehlt mir. Tatsächlich. Denn ich frage mich weiter: Was kann ich? Was will ich? Wohin gehe ich? Wohin möchte ich? Was möchte ich? Ich resigniere. Ausruhen möchte ich, aber so, dass ich wirklich ausgeruht weitergehen kann. Doch wie kann ich das zum Ziel haben, wenn ich nicht weiß, wohin es gehen kann? — Muss ich das nun schon wissen? Das ist wohl Teil meiner Ruhelosigkeit. Ich darf mich ausruhen, ausruhen, verweilen, so lange wie ich es brauche. Und dann, wenn ich ausgeruht bin, werde ich wissen, was folgen soll. Jetzt ist jetzt. Und später ist später. Jetzt brauche ich Ruhe, um Kraft zu tanken. Ich tanke nicht, um das nächste Ding zu machen, sondern um nach einer Weile des Tankens Kraft zu haben für die Langstrecke. Ich möchte mich nicht weiter von Ding zu Ding, von Aktion zu Aktion hangeln, nur um dann wieder völlig kaputt zu sein. Ich möchte mich ausruhen, um irgendwann, wenn es so weit ist, aufzustehen und zu sagen: Ok, jetzt kann es weitergehen. Ob das geht? Wie geht das? Ich muss es wollen. Ich muss es machen. Ich kann Hilfe gebrauchen. Erinnerungen. Begleitung. Mut. Durchhaltevermögen. Und – Zeit. Denn das dauert. Relativ lange.

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